Ein Gutes Neues Jahr

Photo (Pexels) by Quintin Gellar – High Angle View of Cityscape Against Cloudy Sky


Ein Neues Jahr ist kein Bruch – es ist die Fortsetzung Ihrer persönlichen Geschichte im Kreislauf der Jahreszeiten.

Ein Gutes Neues Jahr! – Allen Lesenden bei Johntext.

Wieder ist ein Jahr vorbei. Wie kann es sein, dass 365 Tage in einen Satz passen? Ein schönes Neues Jahr! Wir packen die Zukunft in den nächsten Satz und gleich die besten Wünsche dazu. Sprache ist ein biegsames Medium – wie Weizen auf dem Feld und ebenso nahrhaft. Wir formulieren Sätze und geniessen Worte und bündeln Wünsche – als Sender und Empfänger.

Wir hören Ein Gutes Neues Jahr und für jeden bedeutet es etwas anderes. Für die einen ist es eine Floskel – so wie man sich entschuldigt oder bedankt oder eine Flagge hisst und unter einem guten Stern segelt. Für die anderen ist es ein Gefäss mit dem Inhalt aller Geschehnisse eines Jahres. Für Kranke bedeutet ein Gutes Neues Jahr Besserung und gesund werden. Für Einsame neue Freundschaft oder belebte Liebe. Für Zufriedene Kontinuität. Was ist für Sie ein Gutes Neues Jahr?

Ein Gutes Neues Jahr – Platzhalter für individuelle Wünsche

Geld

Ein Element des alten und des neuen Jahres ist Geld. Geld regiert die Welt – sagt man. Wir lieben es – diesen Schlüssel zu allem, was sich kaufen lässt.

Und doch – es gibt ein sehr viel wertvolleres Gut das weit über Geld und dessen Möglichkeiten steht – der Schlüssel zu allem, der Generalschlüssel gewissermassen.

Schauen Sie sich um. Wenn Sie möchten. Sehen Sie, was diese Welt ausmacht? Geld hat sie nicht erschaffen. Geld ist ein Teil von ihr. Ein künstliches Zahlenkonstrukt – ausgedacht, um uns das Leben zu erleichtern. Und oft der Zaun, der uns unsere Grenzen aufzeigt und Menschen definiert:

– Wieviel ist meine Arbeit wert?
– Was kann ich mir leisten?
– Bin ich erfolgreich?

Geld hat eine Nebenwirkung – eingeführt, um den Wert von Waren zu bestimmen und Handel zu erleichtern – führt es auch dazu, dass Menschen daran gemessen werden wieviel sie davon haben. Das Schweizer Wirtschaftsmagazin Bilanz offenbart uns in der Dezember Ausgabe die 300 Reichsten der Schweiz. Demnach besitzen diese zusammen 702 Milliarden Franken.

Menschen, die sich darauf programmiert haben aus Mehr noch Mehr zu machen. Aus Prinzip. Oder aus Spieltrieb.

Positiver Nebeneffekt: Arbeitsplätze entstehen und bleiben erhalten.

Negative Begleiterscheinung: Riesige Vermögen sind oft statisch in Händen von Menschen, die sparsam – ja oft geizig damit umgehen und entziehen diese dem Wirtschaftskreislauf. Aus Angst vor dem Risiko es zu verlieren. Verständlich. Durch Negativzinsen versucht man sie zu zwingen, Geldvermögen zu investieren und in den Wirtschaftskreislauf zurükzuführen.

Geld vermehrte sich auf Konten durch Zinsen zauberhaft. Und überstieg die tatsächliche im Umlauf befindliche Geldmenge um ein Mehrfaches. Ein Krisenszenario das das ganze System zum Kippen bringen könnte: Aufgeschreckt durch eine Hiobsbotschaft stürmen Sparer die Banken und versuchen ihr Geld abzuheben – diese müssen schliessen – all die Zahlen auf Kontoauszügen sind beeindruckend und virtuell und bezeugen wohl eine Schuld der Bank gegenüber den Kunden – aber nicht die Zahlungsfähigkeit der Bank (siehe dazu mein Artikel Martin Suters Neues Buch).

Sprache

Bei Geld denken wir an Währung und Reichtum. Sätze und Worte – Worte und Sätze sind die Universalwährung – gleichzeitig wertvoll und frei verfügbar und universell einsetzbar.

Die Universalwährung Sprache garantiert das Unmögliche. Wir lassen mit Worten weisse Friedenstauben auffliegen. Ein Gutes Neues Jahr bedeutet vielen zuerst Frieden und Sicherheit. Für die einen ist es der Weltfriede. Für andere der persönliche emotionale Waffenstillstand – die Beziehung zum Partner und ein ruhiges, angenehmes und inspirierendes Familienleben.

Lange bevor Tauschwährung und später Geld aufkam – redeten wir. Schien die Sonne, beschrieben wir den Zustand als warm. Brannte in der Höhle des Nachts das Feuer genossen wir es und wir nannten das zugehörige Gefühl wohlig und die Atmosphäre gemütlich.

So beschreibt Sprache alles, was geschieht und geschah. Und noch viel wichtiger – sie beschreibt alles, was geschehen wird.


Lange vor Harry Potter und noch lange danach gibt und gab es einen Bestseller – die Bibel. Ich bin nicht besonders gläubig im Sinne von jeden Sonntag in die Kirche gehen. Und doch gehen diese Geschichten inmitten all der Geschichtsfluten durch Social Media unter die Haut.

Wieso ist das so?

Diese Geschichten zeigen die Kraft des Glaubens. Ausgerichtet auf Gott. Und von Gott auf uns. Und von uns auf unsere Mitmenschen.

Kraft und Glauben

Jeder Physiker wird Ihnen erklären, dass Kraft und Energie für sich nichts ist – ausser sie bekommt eine Richtung und entfaltet Wirkung. Die Bibel zeigt, was wir längst ahnten – unsere Kraft wird im Glauben gebündelt. Und gleichzeitig neutralisiert: Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst.

Wieso?

Wir alle wissen, dass frisch Verliebte einige Jahre mit sich selbst beschäftigt sind und kaum nach aussen wirken. Die unglaubliche Kraft, die in jungen Jahren in uns schlummert und destruktiv wirken kann, wird durch Liebe neutralisiert. Gut so!

Und erkennen wir später, dass und wie wir diese Kraft zum Guten nutzen können bekommen wir Zugang zu ihr.

2015 durfte ich Al Imfeld in Zürich interviewen – ein begnadeter Journalist und Autor. Er wohnte an der Konradstrasse beim Hauptbahnhof. Er sagte im Interview etwas, wofür ihm im Mittelalter die Inquisition gedroht hätte: Der Gott sind wir. Nein, es war keine Aussage, er stellte eine Frage –> Seid ihr selbst der Gott?

Ich bewundere Menschen, die gläubig sind – egal welcher Religion sie angehören. Es ist als hätten sie mit dem Glauben ein unglaublich festes Fundament ihres Lebens errichtet. Sie gehen ihren Weg unbeirrbar.

Und dann schaue ich mich um und sehe – es gibt Leben ohne nach aussen sichtbaren Glauben. Und Erfolg. Und Erfüllung. Wie kann das sein?

Es gibt Glauben innerhalb und ausserhalb der Religionen. Und das ist gut so.

Glauben ist ein Gefühl, sage ich mir also. Der Glaube, der in den Geschichten der Bibel steckt, besteht aus Gefühlen und Worten, die diese starken Gefühle transportieren.

Somit liesse sich die gleiche Kraft erzeugen und entnehmen, wenn konstante Gefühle mit Worten kombiniert werden – unsere eigenen Worte? In der Wiederholung gewinnt diese Kombination Kraft und Aussage.

Denken Sie nur an: Ich liebe dich!

Und schauen Sie sich um, was diese drei Worte geschaffen haben. Was Menschen aus Liebe zu ihrer Familie und ihrem Partner erreichen können. Ein Beispiel dafür ist das Foto das ich für diesen Kommentar gewählt habe.

Diese Kombination aus Wort und Gefühl ist unschlagbar. Alle unsere Erinnerungen sind im Bewusstsein und Unterbewusstsein abgelegt – gute wie schlechte. Und denken wir an etwas besonders Schönes – unsere erste Liebe, eine Reise an einen wunderschönen Ort, eine Begegnung mit einem besonderen Menschen – so durchströmt uns ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit und womöglich Euphorie.

Und ist die Gegenwart heute nicht so spektakulär – weder wetter- noch gefühlsmässig – geht es uns besser, wenn wir an diese besonderen Augenblicke der Vergangenheit denken und sie wieder fühlen.

Sprache ist weit mehr wert als Geld mit dem wir den Translator kaufen. Sie ist die universelle Währung, die uns Zugang zu geliebten Menschen und unsere Ziele schafft.

Sprache träufelt uns Ehrgeiz ein und Motivation. Sprache erzählt uns davon, wie andere Menschen vorgehen, um glücklich zu werden. Sprache heilt. Sprache tröstet. Sprache versöhnt.

Wenn Sie also das nächste Mal Sprache verwenden, sprechen, seien Sie sich der unglaublichen Kraft bewusst, die ihr innewohnt und die damit in Ihnen wohnt.

Eine Kraft, die Sie zum Guten verwenden können – egal was sie tun, egal wer Sie sind und egal wo Sie leben.

Und denken wir auch an jene, die so sensibel sind, dass sie uns nicht egal sein sollten. Jene, die an Sprache und unter unbedachten Worten anderer leiden.

Schauen Sie sich um – sehen Sie diese besonderen Menschen?

Die aus dem Kreislauf von Arbeit, Wohnung und Familie ausgetreten sind. Die unsere Sprache und deren Zwänge und Ansprüche nicht aushalten können …

Wieder ist ein Jahr vorbei – denkt oder sagt der Obdachlose und weiss gleichzeitig, ob es ein gutes Jahr für ihn war. Er verknüpft ein Gefühl mit dem Satz. Und dieses Gefühl steht für alles, was geschah. Quasi ein Statistikgefühl – die Durchschnittsbewertung. Witzig und erschütternd ist, dass wir Ein Gutes Neues Jahr wünschen und der Januar Obdachlosen in unseren Breitengraden zuerst Kälte bringt.

Das Leiden der Menschen in dieser Welt werden Sie nicht allein stoppen. Alle zusammen schaffen wirs. Lassen Sie sich nicht lähmen. Al Imfeld formulierte es 2015 im Interview so:

Mein Thema ist das Leiden der Menschen in dieser Welt. Das treibt mich um und an. Ich kann einfach nicht fassen, dass es so viel Elend in dieser Welt gibt.

Al Imfeld

Gottfried Keller Stiftung – Die Schatzkiste des Bundes

Die Gottfried Keller Stiftung lud zur Vernissage ins Landesmuseum Zürich

Diabild bei Vernissage Glanzlichter der Gottfried Keller Stiftung
Diabild bei Vernissage Glanzlichter der Gottfried Keller Stiftung


Glanzlichter der Gottfried Keller Stiftung

Das Landesmuseum Zürich (bis 22.04.2019) und das Museo d’arte della Svizzera italiana in Lugano (bis 28.07.2019) zeigen Werke der Gottfried Keller Stiftung.

Die Geschichte

Verheiratete Frau brennt mit ihrem Liebhaber durch.

Heutzutage reicht diese Meldung nicht einmal für die Klatschspalten der Yellow Press. Anno 1890 ein gesellschaftlicher Skandal. Zumal es sich um die Tochter vom Industriemagnaten Alfred Escher – die treibende Kraft hinter dem Bau des Gotthardtunnels – handelt. Lydia Welti-Escher ist die reichste Frau der Schweiz. Verheiratet mit Friedrich Emil Welti dem Sohn des mächtigsten Bundesrates.

Lydia Welti-Escher gemalt von Karl Stauffer
Lydia Welti-Escher gemalt von Karl Stauffer

Die Affäre droht zum Skandal zu werden. Lydia Welti-Escher will die Scheidung. Womöglich will sie ihren Geliebten, den Porträtmaler Karl Stauffer heiraten – das ist Spekulation. Damals Grund genug an ihrer geistigen Verfassung zu zweifeln. Lydia Welti-Escher wird über Monate in der Psychiatrie in Rom „entsorgt“. Karl Stauffer wird eingekerkert. Letztlich wählen beide den Freitod.


Die Stiftung

Zuvor bringt Lydia Welti-Escher ihr Vermögen in eine Stiftung ein. Ihr Name ist aus Sicht der damaligen Gesellschaft negativ belastet. Für die Stiftung wählt sie den Namen Gottfried Kellers. Er ist ein Freund, verkehrte bei ihrer Familie und verstarb 1890.

Die Gottfried Keller Stiftung unterliegt seit Anbeginn der Aufsicht des Bundesrates. Eine vom Bundesrat bestellte fünfköpfige Kommission bestimmt über den Ertrag aus dem Stiftungsvermögen und die Art der Ankäufe. Sie wird alle vier Jahre gewählt.

Aktuell setzt sich die Eidgenössische Kommission der Gottfried Keller Stiftung zusammen aus:

Franz Zelger, (Präsident)

Verena Villiger Steinauer, Directrice, Musée d’art et d’histoire, Fribourg (Mitglied)

Hortensia von Roda, Geschäftsführerin und Kuratorin der Sturzenegger-Stiftung im Museum zu Allerheiligen (Mitglied)

Sylvie Wuhrmann, Directrice du musée Fondation de l’Hermitage à Lausanne (Mitglied)

Pascal Griener, Professeur ordinaire, Université de Neuchâtel (Mitglied)

Stiftungsurkunde der Gottfried Keller-Stiftung, 1890
Stiftungsurkunde der Gottfried Keller-Stiftung, 1890

Die Chance

Das ist der Stoff, von dem Romanautoren träumen, denke ich. Und erwäge, darüber zu schreiben. Keine Option bemerke ich früh. Würde man mein Werk doch mit dem Roman Ein Bild für Lydia von Paradeschriftsteller Lukas Hartmann (verheiratet mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga) vergleichen – der diesen spannenden Stoff bereits bravourös verwertet hat.

Cover des Buches von Lukas Hartmann - Ein Bild von Lydia

19 Seiten von „Ein Bild für Lydia“ gratis als Online-Leseprobe beim Diogenes Verlag.

Das Jubiläum

2019 jähren sich die Geburtstage von Alfred Escher, dem Vater der Stifterin sowie von Gottfried Keller, dem Namensgeber der Stiftung, zum 200. Mal.
Die letzte grosse Ausstellung im Kunsthaus Zürich datiert von 1965. Deshalb soll die Sammlung und das Wirken der Gottfried Keller Stiftung nun einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Das Buch zur Ausstellung ist in der Boutique des Landesmuseums erhältlich.

Ein Essay des Kommissionspräsidenten Franz Zelger erzählt die Geschichte der Gottfried Keller-Stiftung und ihrer Ankäufe von der Gründung im Jahr 1890 bis heute.

Cover des Buches - Meisterwerke der Gottfried Keller- Stiftung - Mit Beiträgen von Heidi Amrein, Francesca Benini, Erika Hebeisen, Christian Hörack, Mylène Ruoss, Christian Weiss und Franz Zelger sowie Vorworten von Alain Berset, Tobia Bezzola und Andreas Spillmann.
Meisterwerke der Gottfried Keller- Stiftung

Mit Beiträgen von Heidi Amrein, Francesca Benini, Erika Hebeisen, Christian Hörack, Mylène Ruoss, Christian Weiss und Franz Zelger sowie Vorworten von Alain Berset, Tobia Bezzola und Andreas Spillmann.

216 Seiten, 106 farbige Abbildungen

ISBN 978-3-85881-629-0 (deutsche Ausgabe)

ISBN 978-3-85881-827-0 (édition française)

ISBN 978-8-77138-248 (edizione italiano)

Herausgegeben vom Schweizerischen Nationalmuseum, dem Museo d’arte della Svizzera italiana, Lugano, sowie dem Eidgenössischen Departement des Innern, Bundesamt für Kultur beim Verlag Scheidegger & Spiess.


Die Vernissage

Mit Freude und Begeisterung nehme ich am Abend des 13.02.2019 die Einladung zur Vernissage an. Als Privatperson. Sie findet im Landesmuseum Zürich am Hauptbahnhof am Vorabend der Ausstellungseröffnung statt. Das Landesmuseum Zürich fungiert seit 2011 als Teil des Schweizerischen Nationalmuseums.

Geladen ist ein kleiner Kreis von Gönnern, Sponsoren und herausragenden Persönlichkeiten. Erst im Nachhinein drängt es mich über den Event, die Gottfried Keller Stiftung und die tragische Liebesgeschichte ohne Happy End auf Johntext zu berichten.

Näheres zur Ausstellung auf der Webseite des Nationalmuseums.

Vernissage Glanzlichter der Gottfried Keller Stiftung am 13.02.2019 - Foto: Hans-Jürgen John
Vernissage Glanzlichter der Gottfried Keller Stiftung am 13.02.2019 – Foto: Hans-Jürgen John

Im offiziellen Teil der Vernissage schildern die Vortragenden Wissenswertes zur Stiftung, deren Geschichte und die finanzielle Situation.

  • Andreas Spillmann, Direktor Schweizerisches Nationalmuseum
  • Franz Zelger, Präsident Eidgenössische Kommission der Gottfried Keller Stiftung und emeritierter Ordinarius Universität Zürich
  • Isabelle Chassot, Direktorin Bundesamt für Kultur
  • Christian Weiss, Ausstellungskurator

Ein Bild von Lydia Welti-Escher und Gottfried Keller machen sich die Besuchenden eingangs der Ausstellung – beide von Karl Stauffer gemalt.

Es ist ergreifend wie aus einer persönlichen Tragödie etwas so Wunderbares wie der Schutz und Erhalt Schweizer Kunst im grossen Stil resultiert. Die Namen beider und ihr Schicksal bleiben so an der Oberfläche Schweizer Kunstgeschichtsschreibung präsent. Die Kraft ihrer Liebe schuf letztlich in der Stiftung ein Gedankenkind.

Lydia Welti-Escher auf Wikipedia.

Weitere Einzelheiten der Ausstellung möchte ich nicht preisgeben. Wo bleibt denn da die Spannung. Das ist ja so, als würde eine Freundin einem den Inhalt eines Buches erzählen – und dann hätte man keine Lust mehr es selbst zu lesen …


Die Investition

Immer wieder lese ich von Geboten in Millionenhöhe auf Kunstauktionen. Kunst ist eine sehr beliebte Sparte für Investitionen. Das Ziel ist Return of Investment. Das derzeit teuerste Gemälde – laut Spiegel Online nicht mehr in allerbestem Zustand wird 2017 bei Christie’s versteigert: Leonardo da Vincis Salvator Mundi wechselt für umgerechnet 381,6 Millionen Euro den Besitzer.

Einer Veräusserung zum besten Preis ist der Bund als Inhaber der Werke der Gottfried Keller Stiftung nicht verpflichtet – er soll Schweizer Kunst bewahren.
Das Ziel der Gottfried Keller Stiftung ist klar definiert:

Lydia Welti-Escher vermachte der Eidgenossenschaft 1890 einen grossen Teil ihres Vermögens mit dem Auftrag, aus den Erträgen bedeutende Werke der bildenden Kunst zugunsten der Schweizer Museen anzukaufen.
Quelle: Homepage der Gottfried Keller-Stiftung

Nur konnte sie damals nicht ahnen, dass mehrere Weltwirtschaftskrisen und die Unwägbarkeiten und Risiken jeder Anlage das Vermögen angreifen und die Erträge schmelzen lassen.

Manche reden von Misswirtschaft der Gottfried Keller Stiftung. Weil das Kapital angegriffen und nicht nur von den Erträgen Kunst erworben wurde.

Andererseits steigen bekanntermassen die Renditen im Kunstmarkt – in vorliegendem Fall seit 130 Jahren. Es wurde in Werte investiert sowohl finanziell als kunsthistorisch.
Es handelt sich um Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Goldschmiedeobjekte –> Auch durch Rückkäufe aus dem Ausland eröffnen die Werke den Zugang zu 1000 Jahren Schweizer Kunstschaffens.

Die 6.500 Werke der Sammlung werden 2008 mit 500 Millionen bis 1.5 Mrd geschätzt.
Quelle: Antwort des Bundesrates vom Dezember 2008 auf eine Anfrage vom damaligen Nationalrat und heutigem Zürcher Stadtrat Filipo Leutenegger zur finanziellen Situation der Gottfried Keller Stiftung. 

Hat der Bundesrat 2008 noch von 8.500 Werken geschrieben – sind es in den meisten Publikationen heute 6.500. Ist das Schwund? Nein. Die Sammlung hat gegen 6.500 Inventarnummern. Teilweise stecken aber sehr viele Unternummern hinter einer Inventarnummer (z.B. bei Fotografien). Beide Zahlen sind richtig – es kommt darauf an, wie einzelnes Werk definiert ist.

Wieviel die Sammlung wohl heute wert ist? Kunstwerke, die dem Markt entzogen sind dürften die Nachfrage und damit den Preis in exorbitante Höhen schnellen lassen.

So manche Sammelnden die sich auf eine Kunstrichtung oder einzelne Künstler spezialisiert haben bezahlen was die Portokasse hergibt, wenn das i-Tüpfelchen ihrer Sammlung noch fehlt.

Wie es mit der Gottfried Keller Stiftung weitergeht ist offen. Es ist wünschenswert, dass Schweizer Kunst weiterhin durch Rückkäufe aus dem Ausland geschützt und der Nachwelt erhalten bliebt. Dazu sind finanzielle Anstrengungen nötig.


Der Kunstgenuss

In über 100 Museen als Dauerleihgabe ist die Sammlung öffentlich einsehbar. Um Interessierten die Exponate in Bauten der Verwaltung, in Depots und Botschaften – die nicht öffentlich zugängig sind – zu zeigen wurde begonnen, diese online zu stellen.

Seit Ende 2018 sind Werke der Sammlung der Gottfried Keller Stiftung auf der online-Plattform «E-Pics» der ETH Zürich aufgeschaltet.

Vielen herzlichen Dank an das Schweizerische Nationalmuseum
für die Erlaubnis zur Verwendung der Fotos.

Zum Schweizerischen Nationalmuseums gehören: das Landesmuseum Zürich, das Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis.

Diese Museen zeigen Schweizer Geschichte bis heute und erschliessen die schweizerischen Identitäten und die Vielfalt von Geschichte und Kultur.

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Linkedin is the place to be – als Berufsnetzwerk inzwischen unerlässlich – sogar Schweizer Bundesämter hegen und pflegen dort eine Hinweisseite – hier der Artikel über den Aufbau eines persönlichen LinkedIn Accounts:

https://johntext.ch/umsonst-vernetzen/

Abbilder der Realität

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John

Der Schweizer Filmregisseur Jan Gassmann – Abbilder der Realität

Der Schweizer Filmregisseur Jan Gassmann vor dem Bistro des Kinos «RiffRaff»

Der Schweizer Filmregisseur Jan Gassmann vor dem Bistro des Kinos «RiffRaff».

Der Schweizer Filmregisseur Jan Gassmann erhielt für seine Filme etliche Auszeichnungen. Seine Filme kreiert er nicht nur aus seinem Kopf. Er muss viel erleben, um es dann filmisch umzusetzen.

Frühling ist es und warm. Der Regisseur von «Heimatland» betritt in Jeans und T-Shirt die Kinobar im RiffRaff in Zürich. Mit dem Skateboard unterm Arm bestellt er einen Espresso. Im Herbst kommt «Europe, she loves» in die Kinos. Premiere war auf der 66. Berlinale.

Ein Interview mit ihm zu bekommen, ist schwer. Nach drei Monaten hat es geklappt. Wir sind allein. Die getönte Scheibe im Rücken von Jan Gassmann spiegelt Fussgänger und ab und zu ein Fahrzeug.

«Im RiffRaff arbeitete ich früher. Hier sind alle unsere Filme gelaufen.» Er gehe gerne ins Kino. Aus Spass und Neugierde und über das berufliche Interesse hinaus. «Wann immer ich es mir leisten kann», fügt er hinzu.

Gassmann dreht sich eine. «Natural American Spirit.» Wozu er Filme drehe, frage ich und weiss längst, dass er eine soziale Ader hat. Sonst würde er in seinen Filmen nicht Autisten, Homosexuelle oder Krebskranke in den Mittelpunkt stellen.

Es sei einfach «der Wunsch, Geschichten zu erzählen». Inhalte so zu transportieren, dass Zuschauer sie aufnehmen könnten. «Wenn alles gut läuft, bin ich als Künstler mehr verloren, als wenns schlecht läuft.» Gerade der Misserfolg und Neues spornten ihn an. Seit 14 Jahren mache er längere Filme. «Ich habe den Anspruch, besser zu werden. Weiterzukommen. Mich selber herauszufordern, ist das Ziel. Projekte zu machen, die ich noch nicht versucht habe.»

«Zuschauer herausfordern und zum Denken anregen»

Filme mit Vorbildcharakter? Er lacht. Nein, das sei sicher nicht seine Aufgabe. Die Realität bilde er im Film ab. «In meinen Filmen gibt es Sexualität, Drogen und alles Mögliche, was uns das Leben so anbietet.» Gleich schränkt er ein: «Im Film geht es nicht um die perfekte Abbildung. Er bringt die Phantasie im besten Fall ins Rollen.»

Ein anderer Aspekt ist ihm wichtig: «Unserer Welt fehlt es an Helden.» Und so kommen seine Filme ohne aus. «Eher mit Antihelden.»
Früher, ja früher wollte er mit seinen Filmen etwas erreichen, auch politisch. Heute sieht er das weiter: «Film muss keine Lösung oder Handlungsanweisung sein. Meine Filme sollen den Zuschauer herausfordern und zum Denken anregen.»

Nach und nach sind die Tische um uns herum alle besetzt. Liegt es an dem bekannten Filmregisseur oder an der freitäglichen Aprilsonne? 2008 erhielt er allein für «Chrigu» den Berner und den Zürcher Filmpreis und 2009 den Preis der Schweizer Filmkritik und den Prix Walo. Weitere Preise für weitere Filme folgten. «Chrigu» liege ihm nach all den Jahren immer noch sehr am Herzen.

Genügsam

Was verbindet den privaten Jan Gassmann mit dem Schweizer Filmregisseur Jan Gassmann? Er lebe sehr intensiv. «Exzessiv im Leben und exzessiv in der Arbeit.» Liebe, Party, Drogen – das alles gehöre irgendwie zum Leben dazu. Das ganze Leben bestehe sicher nicht daraus. «Im Exzess fällt einem nichts zu.» Er inspiriere allenfalls.

Der Schweizer Filmregisseur Jan Gassmann liebt Zürich. Er vermisst hier nur das Meer.
Jan Gassmann liebt Zürich. Er vermisst hier nur das Meer.

Für Gassmann gibt es unterschiedliche Regisseure. «Die einen kreieren alles aus ihrem Kopf.» Er gehöre sicher zu denen, die vieles erleben müssen und es dann filmisch umsetzen.

Wo wir beim Vergleich mit anderen sind: Es gebe Leute, die seien schon aufgrund der Herkunft privilegiert. «Ich habe die Welt eher von der Mitte und von unten gesehen. So hat alles bei mir eher mit Wille und Arbeit zu tun und weniger mit Connections oder so.»

Er habe sich das Leben bereits sehr früh selber finanzieren können. «Als Cutter oder über Nebenjobs.» Er sieht zu den getönten Scheiben des Bistros hinüber, zu dem ein Kino gehört.

«Ich fühle mich sehr frei in dem, was ich mache. Mein Leben ist recht skalierbar. Ich kann mal mehr Geld haben und mal weniger. Ich habe nicht besonders viele Wünsche.» Er brauche wenig zum Leben. «Ich kaufe ab und zu mal eine Schallplatte. Thatʼs it.»

Unabhängig

Hager ist er, fast dünn. Wichtig sei, was man zu sich nehme. «En guete Zmorge und dann einmal eine Mahlzeit am Tag» reiche ihm. Als Student lag ihm Pasta, jetzt seien es eher Kartoffeln in jeglicher Zubereitung, mal Fisch und Salat.

Ist in seinem Leben Platz für Kinder und damit Familie? Ja, bestimmt. Wie sich das halt ergebe.
«Ich habe keinen Lebensplan, der mir sagt: Jetzt bist du 32. Jetzt musst du dich so verhalten.» Es gebe für ihn nicht ein Ziel oder eine Zufriedenheit. Das «Wichtigste auf der Welt» existiere für ihn nicht.

«Das Zwischenmenschliche zählt sehr viel für mich.» Ungekämmt und mit Dreitagebart sitzt er mir vor dem Bistro gegenüber. Ist sein Äusseres der Filter, mit dem er sich Menschen auf Abstand hält, die Kontakte nach dem Aussehen knüpfen?

Er legt beide Hände auf der Tischkante ab. Richtig sei, intensiv zu leben. Den Moment mitzunehmen. «Das Licht macht den Schatten und umgekehrt.» Wenn etwas wichtig sei, dann verschiedene Momente. Und davon wieder die problematischen. Da ist sie wieder. Seine Art, sich zu motivieren. Über alles, was nicht rund ist und nicht rund läuft.

Er reist gerne. Der 32-Jährige war in den USA. In Thailand, dem Senegal und Mexiko und auch ein Jahr in Ecuador, teilweise mit Stipendium. «Mit dem Auftrag, für einen Film zu reisen, ist nochmals sehr viel interessanter, als nur zu relaxen. Du hast sofort Kontakt zu den Leuten.»

In Indien hat er auch gedreht. Und er sei gerne immer wieder in Zürich. «Es gibt hier ein breites Angebot. Und viel Kontrast. Das mag ich sehr gerne an dieser Stadt.»

In Geld sieht er vor allem ein Mittel. «Geld ist okay. Ich beklage mich nicht. Ich kann von den Filmen leben. Das Einzige, was ich in Zürich vermisse, ist das Meer. Sollte ich einmal viel, viel Geld haben, werde ich mir irgendwo in einem Dörfchen eine kleine Wohnung mieten.»

Unabhängig zu sein, sei ein extremes Privileg im Vergleich zu anderen. «Es ist aber nicht geschenkt. Filme machen ist nicht wie eine Karriere, in der alles immer grösser wird. Oft gibt es einen Bruch.»

Vier Jahre an einem Projekt zu arbeiten, und dann komme es nicht zustande – das sei möglich.
Was macht er dagegen? Zurzeit arbeite er an zwei bis drei Projekten gleichzeitig. Komme eines nicht zustande, so greife er auf ein anderes zurück. Und werden alle realisiert? Er lacht. «Ich habe dann auf einmal sehr, sehr viel zu tun.»

«Europe, she loves» im Herbst in den Kinos

Tastet er sich nach mehreren Filmen mit sozialem Hintergrund an einen Kassenknüller heran? «Europe, she loves» spielt in verschiedenen europäischen Ländern. Und es dreht sich um Beziehungen.

Jan Gassmann bleibt bescheiden und skeptisch. Der Film ist eher melancholisch. «Es gibt keine Formel.» Viele machten den Film, der die Massen bediene. Und scheitern. Auch die Amerikaner hätten die todsichere Formel nicht. Viele Schweizer Filme schafften es nicht, das Geld einzuspielen, das sie gekostet hätten.

Fazit? «Ich erzähle im Film erst einmal das, was mich interessiert.» Erfolg dürfe nicht die primäre Motivation sein. «Steckt die falsche Motivation hinter einem Ziel, kommt der Erfolg nicht.»

Sein filmisches Erbe kümmere ihn wenig. Sicher sei es ein Nebeneffekt, dass seine Filme Momentaufnahmen ihrer Zeit seien. «Und im besten Fall langsam altern.» Er wiederholt: «Viel wichtiger ist mir, was ich im zwischenmenschlichen Bereich, in der Familie, den Beziehungen und mit Freunden hinterlassen kann.»

Die Ideen für seine Filme kommen ihm spontan. «Europe, she loves» fiel ihm unter der Dusche ein. «Ein Film mit viel Risiko.» Sie fuhren im Team 20 000 Kilometer durch Europa. Niemand wusste, ob der VW-Bus das durchhalte. Ob sie genügend Pärchen für die Dokumentation finden würden.

Ja, den Führerschein habe er. Und der VW-Bus sei der Firmenwagen für alle. Mit Julia Tal und Lisa Blatter hat er 2012 die Produktionsfirma 2:1 Film gegründet.
Spricht, nimmt sein Skateboard und surft die Strasse hinunter.

Dieser Artikel wurde am 15.06.2016 auf https://derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Die Liste aller dort veröffentlichten Artikel finden Sie hier:
https://johntext.ch/worte-bewegen-die-welt/

Der Name ist Programm

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John

Der Name ist Programm – Thomas Stark

Der Name ist Programm - Thomas Stark montiert eine Deckenleuchte
Der Name ist Programm – Thomas Stark montiert eine Deckenleuchte.

Thomas Stark aus Zwingen (BL) wagt als Elektroinstallateur den Schritt in die Selbständigkeit. Mit seiner Erfahrung und seinem Netzwerk meistert er etliche Hürden.

Mit raschen Bewegungen schliesst Thomas Stark eine Netzwerksteckdose in seinem Büro an. Hier verbindet er einen Computer mit dem Internet. Der Elektroinstallateur aus Zwingen (BL) arbeitet seit Dezember 2015 selbständig mit seiner Stark Strom GmbH.

«Es ist ein Risiko»

Thomas Stark, Laufen (BL), über den Schritt in die Selbständigkeit

Das Vertrauen in die Kunden und seine Fähigkeiten machten diesen Schritt indes kalkulierbar. Arbeit sei genug da.

Stark prüft, ob der Strom abgestellt ist. Sicherheit geht immer vor. Dann nimmt er sich eine Leiter und montiert eine Deckenleuchte. Während andere noch über den Frankenschock jammern, stellt er Anfang April den ersten Mitarbeiter ein. Der Weg bis dahin ist lang. Der vierjährigen Ausbildung zum Elektromonteur folgen sechs Jahre Praxis. Die Prüfung zum Elektrokontrolleur und Chefmonteur besteht er 1997. Damit ist er berechtigt, auszubilden. Seit er die höhere Fachprüfung zum eidgenössisch diplomierten Elektroinstallateur 2007 abgelegt hat, überlegt er, sich selbständig zu machen.

2015 ist es so weit. Die Kinder sind in einem Alter, in dem sie den zweiten Elternteil weniger brauchen. Thomas Stark ist seit 1999 verheiratet. Mit seiner Frau Carmen hat er drei Kinder zwischen 14 und 20 Jahren. Die Familie kommt für ihn an erster Stelle. Das geht ihm so wie vielen anderen. «Dafür arbeiten wir schliesslich.» Sein ältester Sohn absolviere eine Lehre als Automatiker in den Pilatuswerken in Stans (NW). «Und Urban beginnt eine Lehre als Elektroinstallateur in Breitenbach.»
 
Ohne Elektroinstallateure geht nichts

Beim Elektroinstallateur denken die meisten an eine Person, die mit Hammer und Meissel Schlitze ins Mauerwerk von Rohbauten klopft. Um damit Raum für Elektrokabel und Steckdosen zu schaffen. Dabei sei das eine Tätigkeit von vielen. Thomas Stark lächelt. Eine Person, die mit Schraubenzieher und Plan eine Leitung anschliesse, um eine Verbindung zu schaffen, passe besser in die Realität.

Der 46-Jährige ist überzeugt, dass seine Branche krisensicher ist.

«Wir machen uns unentbehrlich. Wir sind bereits da, wenn das Fundament gelegt wird, und erden es. Praktisch bis zum Bezug des Hauses sind Elektroinstallateure anzutreffen.»

Thomas Stark, Laufen (BL)

Sie schlitzen Wände auf und bereiten sie für Kabelrohre vor. Sie verlegen Schalterkästchen unter Putz und ziehen Drähte und Kabel in die Rohre ein. Die Haustechnikanlagen – Heizung, Boiler, Lüftung – werden angeschlossen. Elektroinstallateure montieren Schalter und Steckdosen. Am Schluss sind alle Beleuchtungen «ready for use».

Thomas Stark steigt aufs Flachdach der Gewerbeliegenschaft, in der sein Büro liegt. Die ganze Fläche wird für die Photovoltaikanlage genutzt. Sie produziert in Zwingen genügend Strom für 30 Einfamilienhäuser. Geduldig prüft er die Anschlüsse.

Der Name ist Programm - Thomas Stark prüft eine Photovoltaikanlage in Zwingen (BL)

Thomas Stark prüft eine Photovoltaikanlage in Zwingen (BL). Sie liefert Strom für 30 Einfamilienhäuser.

Neben der Arbeit und der Familie bleibt wenig Zeit. So liegt nahe, dass sein Steckenpferd Teil seiner Arbeit ist. Erneuerbare Energien wie Photovoltaik faszinieren ihn. Die Nachfrage nach diesen Anlagen steigt. Mit Zustimmung des jeweiligen Energiebetreibers wird überschüssiger Strom in das Netz eingespeist.

«Ich bin überzeugt, dass in nächster Zeit die Energie aus Photovoltaikanlagen kurzfristig speicherbar wird. Will die Schweiz ohne Kernkraftwerke auskommen, braucht sie neben den Wasserkraftwerken und den Pumpspeichern mehr von solchen Kurzzeit-Speicheranlagen.»

Thomas Stark, Laufen (BL)

Im Büro arbeitet Stark am PC mittels CAD-Programm die Pläne für die Elektroinstallationen eines Mehrfamilienhauses aus. Wo er früher von Hand mühsam gezeichnet hat, entstehen wie von Zauberhand Steckdosenanschlüsse und Verteilerkästen.

Starks Werdegang mag anderen Mut machen, es gleichzutun. «Anfangs war ich einige Jahre als Monteur auf Baustellen unterwegs.» Bereits früh konnte er bei der Planung von Bauten als Sachbearbeiter und als CAD-Zeichner mitwirken. Über den Projektleiter, Chefkontrolleur und Filialleiter stieg er dann zum Geschäftsführer eines KMU auf.

Der Fachkräftemangel sei ein Problem. Ohne Arbeiter aus dem Ausland gehe es in der Schweiz zurzeit nicht, sagt Stark. Auch ein Vorrang der Inländer mache wenig Sinn. «Die Fähigkeiten müssen den Ausschlag geben.» Und so ist für ihn Weiterbildung der wichtigste Schritt, um auf dem Arbeitsmarkt mithalten zu können.
 
Mehr Lehrstellen als Interessierte

Ihn persönlich packte der Beruf, als er in einer Schnupperlehre mit einer Spitzmaschine und einer Schlitzmaschine Installationen in Backsteinwänden unter Putz verlegen durfte. «Dies hat enorm viel Kraft gebraucht und hat mir sehr viel Spass bereitet. Daraufhin habe ich mich für diesen Beruf entschieden. Prompt kam die Zusage für diese Lehrstelle.»

Schade findet er, dass es derzeit mehr Lehrstellen als Interessierte gebe. «Dabei sind die Aufstiegschancen sehr gut.» Als Projektleiter und eidgenössisch diplomierter Elektroinstallateur ist der Schritt vom Arbeiter zum Teamleiter gemacht. Über weitere Ausbildungen erfolgen Spezialisierungen für die IT-Branche, Energieberatung und Photovoltaik. Haustechnik-, Brandmelde- und Alarmanlagen sind mögliche Betätigungsfelder.

«Das ist für jeden etwas», ist sich Stark sicher. Wer gerne bei Wind und Wetter draussen sei und technisches Verständnis mitbringe, habe es in diesem Beruf leichter. Vieles sei einfacher geworden im Vergleich zu früher. Das Internet ermögliche, sich von unterwegs technische Anleitungen anzusehen.

Und meisselte der Elektroinstallateur noch vor einigen Jahren von Hand die Schlitze für die Elektrorohre, gebe es heute Maschinen und spezielles Werkzeug, die die schwere Arbeit abnähmen. Wie in vielen anderen Handwerksberufen verlagert sich der Schwerpunkt von der körperlichen zur Kopfarbeit. «Ein anspruchsvoller Job», fasst Thomas Stark zusammen.

Der Name ist Programm - Thomas Stark plant per CAD-Programm die Elektroinstallationen eines Mehrfamilienhauses
Der Name ist Programm – Thomas Stark plant per CAD-Programm die Elektroinstallationen eines Mehrfamilienhauses

Der Schritt in die Selbständigkeit war letztes Jahr nicht mehr ganz so gross.

«Ich habe mich als Angestellter immer für die Firma eingesetzt, als wäre sie meine eigene. Mit der Selbständigkeit zahlt sich dieses Engagement nun für mich aus.»

Thomas Stark, Laufen (BL)

Die Fragen, die zusammen mit der Existenzgründung auftauchten, bewältigte er dank der Mithilfe des Business Parc in Reinach. Das Coaching-Team unterstützt Start-ups vor, während und nach der Gründung. «Dafür bin ich sehr dankbar. Ohne die Hilfen des Kantons und des RAVs wären viele Existenzgründungen undenkbar.» Am wichtigsten für die Kalkulation des Risikos und des möglichen Wachstums ist der Finanzplan. Darunter falle auch der Liquiditätsplan, die voraus kalkulierte Einnahmen- und Ausgabenrechnung.

Einige Fragen bleiben für Thomas Stark existenziell: Darf ich diese Maschinen kaufen? Darf ich jemanden einstellen? Eine Fehlentscheidung kann ihn in den Konkurs führen.

Allerdings ist die Existenzgründung nicht für jeden geeignet.

«Es braucht sowohl fachliche wie auch kommunikative Fähigkeiten. Dazu kommt ein Netzwerk.»

Thomas Stark, Laufen (BL)

Daher sei die Rechnung, dass mehr Selbständige die Arbeitslosigkeit in der Schweiz verringern könnten, grundsätzlich richtig, aber zu einfach formuliert.
 
Etwas finden, das Spass macht

Erleichtern könnten Bund und Kantone den Schritt in die Selbständigkeit sehr, indem sie mutige Handwerker entlasteten.

«Neuunternehmungen müssten im ersten Jahr teilweise von den Sozialleistungen entbunden werden.»

Thomas Stark, Laufen (BL)

Schon die kurze Zeit als Selbständiger hat Stark gezeigt, welche Hürden er überwinden muss. Zahlungen an BVG und AHV sind Vorauszahlungen. Könnte er diese Zahlungen erst zusammen mit der Lohnzahlung begleichen, wäre das eine grosse Erleichterung. «Hier ist eine Änderung notwendig.»

Was rät Thomas Stark jenen, die sich beim Berufswunsch schwertun? «Du musst etwas finden, das dir Spass macht.» Um das herauszufinden, seien Praktika da. Sei der Spass da, komme das Interesse, mehr wissen zu wollen, automatisch.

«Richtig erfolgreich werden nur die, die von ihrer Arbeit begeistert sind und das auch zeigen», ist er überzeugt. Sobald ein Jugendlicher realisiert: Alles, was ich mir leiste, finanziert mein Job, denkt er um. Schliesslich sei Arbeit Erfüllung und bringe Freude und Selbstbestätigung. «Das Gefühl, etwas zu leisten, ist toll.»

Der Name ist Programm - Thomas Stark bereitet alles für den nächsten Arbeitstag vor
Der Name ist Programm – Thomas Stark bereitet alles für den nächsten Arbeitstag vor.


Jeden Abend belädt Thomas Stark seinen Lieferwagen.
 
Dieser Artikel wurde von mir auf derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Die Liste aller dort veröffentlichten Artikel finden Sie hier:
https://johntext.ch/worte-bewegen-die-welt/

Arbeit ist auch Leben

TEXT: Hans-Jürgen John
FOTOS: Nana do Carmo

Arbeit ist auch Leben

Regula Zellweger unterstützt Stellensuchende als Buchautorin und Berufsberaterin.
Regula Zellweger unterstützt Stellensuchende als Buchautorin und Berufsberaterin.
 

Regula Zellweger, 63, lebt ihre Mission: Sie ist glücklich, wenn sie Inhalte so vermitteln kann, dass es andere und sie selbst vorwärtsbringt. Die Laufbahnberaterin aus Obfelden (ZH) geht Hürden lösungsorientiert an.
 

Frau Zellweger, Sie haben eine bunte Laufbahn und einen interessanten Jobmix: Primarlehrerin, Bibliothekarin, Psychologin, Berufs- und Laufbahnberaterin, Buchautorin, Chefredaktorin, Journalistin, Seminarleiterin, und Sie sind auch Mutter dreier Kinder. Sind Sie eine Titeljägerin?
Nein, ich bin Überlebenskünstlerin. (Lacht.) Ich bin vielseitig interessiert und lebe das auch.
 

Welche Tätigkeiten üben Sie aktiv aus?
Als Chefredaktorin, Kursleiterin und selbständige Laufbahnberaterin bin ich im Moment aktiv. Ich arbeite an einer Broschüre zum Thema Weiterbildung und an einem Berufsinformationsmittel zu Textilberufen. Ich berate gerne. Die Arbeit als Chefredaktorin des Monatsmagazins «active live» macht riesig Spass. Ich bin als Lokaljournalistin unterwegs, leite Kurse, schreibe gerne Blogs und Bücher und vernetze mich fleissig.
 

Sind mehrere Berufe nötig, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können?
Das kommt darauf an. Man darf sich nicht verzetteln. Ich habe eine klare Linie und lebe meine berufliche Mission in vielen Facetten. Sie heisst: «Ich bin glücklich, wenn ich Inhalte so vermittle, dass es andere und mich vorwärtsbringt.» Alle meine bisherigen beruflichen Tätigkeiten entsprechen meinem roten Faden durchs Berufsleben. Ich empfehle jedem, seine eigene berufliche Mission in einem Satz zu formulieren: «Was ist mein Ding?»
 

Wie gehen Sie vor, wenn Sie etwas erreichen möchten?
Ich entscheide mich dafür und erlaube mir, es auszuprobieren. Zielanpassungen sind immer mal wieder nötig. Statt hundertmal mit dem Kopf durch die Wand suche ich neue, kreative Lösungen. Wir spielen das Leben vierhändig, mein Schicksal und ich. Wenn ich ein Ziel zu erreichen versuche, kommen mir manchmal die anderen zwei Hände in die Quere. Ich muss mir keinen Kopf machen, wenn etwas nicht klappt. Ich bin nicht allmächtig, sondern Teil verschiedenster Systeme.
 

Wo setzen Sie Ihre Strategie an?
Ich packe Gelegenheiten und handle. Frechmutig. Im Griechischen gibt es die Begriffe Kairos und Chronos für Zeit. Chronos ist die messbare Zeit, Kairos der richtige Moment. Kairos ist in der griechischen Mythologie als Jüngling mit Flügeln und einer langen Locke vor dem Gesicht dargestellt. Man sagt, dass Menschen, die erfolgreich sind, immer wieder Kairos, die gute Gelegenheit, beim Schopf packen.
 

Das tönt alles sehr selbstbestimmt. Da sind aber auch äussere Einflüsse, die einen Strich durch die Rechnung machen können.
Es ist nicht alles machbar. Beispielsweise wenn jemand aus finanziellen Gründen keinen Zugang zu einer gewünschten Weiterbildung hat, nützt alle Zielsetzung wenig. Denken Sie an alleinerziehende Mütter. Ein Hochschulstudium finanzieren liegt da oft nicht drin. Bildungsgutscheine, die am Anfang des Lebens ausgegeben werden, würden vielleicht zur Chancengleichheit beitragen.
 

Wenn Sie sich für einen Job bewerben, kommen Sie sofort ins Vorstellungsgespräch?
Irgendwie finden mich meine Jobs. Klar, die Bewerbungsunterlagen müssen perfekt sein. Aber Kontakte, die bei mir zu Mandaten oder Teilzeitjobs führten, kamen durch Vernetzen zustande. Über 50-Jährige haben selten mit einer Reaktion auf ein Stelleninserat Erfolg. Sie müssen die Hintertür über das persönliche Netzwerk finden. Und sich in der Branche einen guten Namen machen.
 

Was raten Sie Menschen, bei denen es mit der Jobsuche nicht klappt?
Sie sollen ihre beruflichen Ziele genau definieren und ihre Arbeitsmarktfähigkeit und den Arbeitsmarkt überprüfen; sich gut über einen potenziellen Arbeitgeber informieren und das Vorstellungsgespräch üben, damit sie sich sympathisch und kompetent verkaufen können. Und Kontakte zu Menschen knüpfen, um sie für die eigene Positionierung ins Boot zu holen. Es gilt aber auch, realistisch zu bleiben. Und allenfalls kreativ eine Nische zu finden.

Regula Zellweger ist multiprofessionell
«Ich versuche, positiv durchs Leben zu gehen.»

 

Das tönt gar nicht so schwierig. Trotzdem ist bei vielen, die keine Stelle haben, irgendwann die Luft draussen.
Das ist sehr verständlich! Aber schaffen Sie sich möglichst viele Landeplätze fürs Glück, für Kairos, das ist mein Rat. Sie können das Glück nicht zwingen oder produzieren. Aber Sie können ihm Chancen geben, indem Sie sich stetig weiterbilden, sich vernetzen und lustvoll an die Sache herangehen. Wer Freude an der Arbeit hat und sich mit Begeisterung engagiert, lässt das andere mit einer positiven Ausstrahlung spüren. Bekanntlich läuft der grössere Teil der Kommunikation über die Körpersprache. Ganz wichtig: nie jammern. Lieber: «Wow, das schaffe ich. Ich kann das und das bieten und bin riesig gespannt, wie ich meine Fähigkeiten einbringen kann.» Akquirieren – oder eine Stelle suchen – ist wie säen: Man wirft viele Samen auf guten Boden aus – und weiss, dass nur ein Teil wirklich wurzeln und wachsen wird. Leider ist im Voraus nicht klar, welcher Teil das ist.
 

Wie würden Sie vorgehen, wenn ich zu Ihnen in die Berufsberatung käme?
Wir würden mit Ihrem Lebenslauf beginnen und schauen, was Sie beruflich bieten und welche Fähigkeiten Sie haben. Sie machen Tests und verschaffen sich mit Fragebogen und im Gespräch mit mir Klarheit über sich selbst: Was sind Ihre Werte und Ihre Wünsche? Wie schätzen Sie Ihre Kompetenzen ein? Wichtig dabei ist es, realistisch zu bleiben und letztlich ein konkretes Ziel zu formulieren. Es gilt, sich zudem Lösungen B und C auszuarbeiten.
 

Ist Weiterbildung der goldene Schlüssel, der jede Tür zum Traumjob öffnet?
Allzu spezialisiert zu sein, kann auch ein Problem sein und ins berufliche Abseits führen. Weiterbildung liegt in der eigenen Verantwortung. Wenn in einem Lebenslauf ein Abschluss nachgewiesen wird, zeigt das: «Ich will lernen und mich weiterentwickeln.» Allenfalls ist es von Vorteil, auch Projekte zu dokumentieren. Ein Unternehmer will vielleicht lieber einen Bauingenieur, der in China ein Staudammprojekt geleitet hat, als einen Bauingenieur, der unzählige Weiterbildungen besuchte.
 

Apropos goldener Schlüssel: Haben Sie Tipps zur Motivation, die alle anwenden können?
Tipps genügen nicht. Oft fehlen meinen Klienten das Selbstvertrauen, das Selbstwertgefühl, der Mut; oder die fehlende Motivation hat mit der Grundeinstellung zu tun. Da helfe ich wenig, wenn ich aussen, am Verhalten, feile. Die Ursachen liegen tiefer. Kann mein Klient auf der Ebene der Einstellung oder des Selbstverständnisses etwas verändern, ändert sich viel. Ein Klient antwortete beispielsweise auf die Frage, was für ihn Arbeit sei: «Notwendiges Übel.» Mit der Begründung, er demotiviere andere, wurde er entlassen. Kein Wunder! Die Arbeit kann das Leben farbig machen. Arbeit ist ein prägender Teil unserer Identität. Wenn mich in der Schweiz jemand fragt: «Was bist du?», sage ich nicht «glücklich», sondern «Psychologin» oder «Lehrerin».
 

Was möchten Sie privat und beruflich erleben?
Mein Mass für Erfolg ist ausschliesslich individuelle Zufriedenheit. Und dass ich mich weiterentwickle. Neugierig zu bleiben, ist sehr essenziell. Ich weiss, ich werde noch ganz vielen interessanten Menschen begegnen. Das Wichtigste in meinem Leben ist und bleibt meine Familie.
 

Mit welcher Aussage werden Sie oft von Ratsuchenden konfrontiert?
Viel Respekt habe ich vor Menschen, die sagen: «Sie haben gut reden. Sie haben alles erreicht. Aber mir fällt es nicht so leicht.» Häufig gibt es einen guten Grund, dass Menschen so empfinden; es gibt keine Chancengleichheit. Ich antworte dann: «Ich versuche, positiv durchs Leben zu gehen.» Auch in einer schwierigen Situation bleibe ich dran. (Zeigt auf ein Poster an der Wand.) «Hinfallen, aufstehen, Krönchen zurechtrücken und weitergehen.»
 

Weitere Infos und Arbeitsmittel zum herunterladen: www.rz-laufbahn.ch
 
Arbeitsbücher:

• Mit einer neuen Stelle zum Erfolg: Link zur Buchbesprechung
Beruflich nochmals durchstarten

Tipps für Bodenhaftung: «Sich vernetzen, sich stetig weiterbilden und Landeplätze fürs Glück schaffen.»

Tipps für Bodenhaftung: «Sich vernetzen, sich stetig weiterbilden und Landeplätze fürs Glück schaffen.»
 

Diesen Artikel habe ich auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Umsonst vernetzen

TEXT: Hans-Jürgen John
FOTO: Brandon Kühnel

Umsonst vernetzen – Hans-Jürgen John

Umsonst vernetzen - Hans-Jürgen John - die wunderbaren Möglichkeiten eines LinkedIn Accounts
Umsonst vernetzen – Hans-Jürgen John – die wunderbaren Möglichkeiten eines LinkedIn Accounts

Über 10 000 berufliche Kontakte. Weltweit. Fast ohne Limit nach oben. Hätten Sie die gerne? Linkedin macht es möglich. Umsonst.

Linkedin und Xing sind im Bereich berufliche Netzwerke im deutschsprachigen Raum erste Wahl. Linkedin weist 7 Millionen Mitglieder gegenüber 9 Millionen von Xing in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus.

Lege ich Wert auf eine internationale Ausrichtung meiner Businesskontakte, ist Linkedin top. Das Netzwerk zählt 400 Millionen Mitglieder weltweit und unterstützt inzwischen deutschsprachige Artikel. Xing liegt bei 15 Millionen.

LinkedIn Screenshot - Sprachauswahl
Umsonst vernetzen – Hans-Jürgen John – LinkedIn Screenshot – Sprachauswahl

Weltoffen? Unter «Konto & Einstellungen» wählen Sie Deutsch, Englisch und 22 weitere Sprachen.
 

Wozu brauche ich 10 000 berufliche Kontakte?, werden Sie sich fragen. Marc Walder, CEO bei Ringier, hat deren 126.

Eine kurze Suche ergibt: Viele Geschäftsleute aus dem mittleren und oberen Management legen wenig Wert auf viele berufliche Kontakte in Linkedin. Schliessen sich Qualität und Quantität aus? Oder komme ich zu interessanten Kontakten erst, wenn ich jeden in mein Netzwerk lasse?
 

Der Anfang

So frage ich mich, was mir Linkedin bringen wird. Was möchte ich erreichen? Wie nähern sich andere einem beruflichen Netzwerk?

Informieren, Ziel definieren und handeln. Ich schlafe erst einmal darüber. Und merke: Das bin nicht ich. Ich gehe anders vor.

Ich bin seit Mitte 2012 bei Linkedin, hatte die Plattform bisher aber wenig genutzt. Aus einem Bauchgefühl heraus klickte ich vor sieben Monaten ziellos herum. Die Plattform listet unter der Rubrik «Personen, die Sie vielleicht kennen» Kontakte meiner Kontakte auf.

Ich kenne niemanden in der Liste. Ich beschliesse, diese Menschen kennenzulernen. Schliesslich bin ich weltoffen. Und klicke auf «vernetzen». Den Studenten aus Afrika nehme ich ebenso in mein Netzwerk auf wie die Buchautorin aus den USA oder die chinesische Flugbegleiterin aus München.

Die vier Stufen zum perfekten Profil auf LinkedIn
Umsonst vernetzen – Hans-Jürgen John – die vier Stufen zum perfekten Profil auf LinkedIn.


Als «Newcomer» beginnen. Als «Superstar» ankommen. Die vier Stufen zum perfekten Profil.
 

Was bringt’s?

«Ja um Himmels willen. Ich lasse doch nicht jeden in mein Netzwerk.» Die Reaktionen meiner Mitmenschen reichen von entsetzt bis «selbst schuld».

Auf jeden Fall sind sie eindeutig. «So ein Profil aufbauen und pflegen kostet doch nur Zeit», höre ich von Freunden und Kollegen. «Was hast du von all diesen Kontakten? Gibt es dir einen Kick, mit all diesen Autoren und Journalisten nur eine Message entfernt verknüpft zu sein?» Oder: «Was bringt es dir finanziell?»

Als ich vor dreieinhalb Jahren meine Literaturplattform Johntext aufbaute, fragte ich mich nicht, was es mir bringen wird. Vielleicht also sollte diese Frage auch hier nicht erste Priorität erhalten. Mein Gefühl sagt mir: Alles wird gut. Wenn ich mich durch Linkedin klicke, vertraue ich auf meine Inspiration.

US-Senatoren sind in meinem Netzwerk ebenso vertreten wie Parlamentsabgeordnete, Minister, Händler und Medienvertreter aus aller Welt. Der Buchautor aus den USA bietet mir Übersetzungsrechte an. Die Webseitendesignerin aus Indien fragt nach einem Job.
 

Wie nutzen?

Ich teile Artikel, die ich als Journalist schreibe. News der Autoren auf Johntext.de, für die ich kostenlos Webseiten erstelle, verbreite ich per Link über Linkedin. Joygopal Podder etwa, Autor aus New Delhi, schreibt auf newdelhi.johntext.de über sein Leben. Er hat seit 2010 17 Bücher geschrieben und veröffentlicht.

Über 10 000 Kontakte, das sind über 10 000 E-Mail-Adressen, über die ich Zugang zu Entscheidungsträgern aus Teilen der Wirtschaft und des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens habe.
 

Wie neue Kontakte knüpfen?

Ermutigt durch viele neue Kontakte, baue ich Anfang August 2015 meinen Account aus. Linkedin bietet eine kostenlose Premium-Mitgliedschaft für einen Monat an. Ich willige ein. Die Vorteile des Premium-Accounts für mich: 15 Mitglieder auf der Plattform darf ich pro Monat kontaktieren, auch wenn wir nicht vernetzt sind. Ich kann in allen Profilen unbegrenzt suchen, und ich erhalte die Info, wer in den letzten 90 Tagen mein Profil angeklickt hat.

Beim kostenlosen Account darf ich nur Kontakte ersten Grades anschreiben. Kontakten zweiten Grades darf ich eine Bitte um Vernetzung schicken. Und es werden die letzten fünf Profilbesucher angezeigt.

Eine Woche vor Ablauf werde ich per E-Mail kontaktiert, ob ich die Premium-Mitgliedschaft weiter nutzen wolle. Ich lehne dankend ab. 59.99 Franken bei monatlicher Zahlweise oder 20 Prozent Rabatt und 575.88 Franken jährlich sind mir zu viel. Ich habe nicht herausgefunden, wie sich eine Premium-Mitgliedschaft bezahlt macht. Unter linkedin.com/settings lässt sie sich jederzeit kündigen, bevor sich die Mitgliedschaft nach Ablauf des Gratismonats automatisch verlängert.

Wie also starte ich? Zirka 300 Kontakte sind der Grundstein meines Netzwerks. Ich tue genau das, was Linkedin vorschlägt. Inmitten aktueller Diskussionen über die Angst und Vorsicht, persönliche Daten herauszugeben, vertraue ich Linkedin.

Zirka 200 Kontaktvorschlägen täglich schicke ich die von der Plattform automatisierte E-Mail mit der Bitte um Vernetzung. Zeitaufwand für mich: eine halbe Stunde pro Tag. Durchschnittlich 50 kommen jeweils der Aufforderung nach. Im Profil vermerke ich, dass ich auf Johntext.de eine internationale Plattform für Autoren ausbauen will.

Menschen, die zielstrebig sind oder etwas im Leben erreicht haben, lieben Menschen mit Zielen. Das ist mein Eindruck. Ende August zähle ich zirka 2800 Kontakte. Linkedin serviert mir Autoren und Verleger aus aller Welt. Ebenso Handwerker, Kassiererinnen und Kellner.

Perry Brass, Journalist der «Huffington Post» und Autor von 19 Büchern, lerne ich auf Linkedin kennen. Er findet Johntext interessant. Ich stelle ihm eine Webseite auf «Johntext New York» bereit. Auch Nixon Issangya aus Tanzania, den ersten Johntext-Autor aus Afrika, kenne ich über Linkedin. Auf «Johntext Tanzania» veröffentlicht er gratis Teile seiner Biografie.
 

Die Rangliste

Je mehr Kontakte ich habe, umso mehr Menschen schauen mein Profil an. Die Statistik erfasst jeden Besucher meines Profils. Linkedin führt mein Profil stets unter den ersten zehn in der Rangfolge aller Profilansichten meiner Kontakte. 736 Profilansichten genügten in der Woche vom 25. bis 31. Januar 2016, um unter die ersten fünf Plätze aus über 10 000 Kontakten zu kommen.

Umsonst vernetzen - Hans-Jürgen John - Statistik - Journalisten surfen interessiert im Kielwasser des LinkedIn Profils

Wobei ein Platz weit oben leicht zu erreichen ist. Bin ich zum Beispiel auf Platz 15 aller Profilansichten, lösche ich einfach einige Kontakte, die vor mir in der Rangliste liegen.

Zunächst bemerke ich keine Änderung. Nach zwei bis drei Tagen rücke ich in der Liste der Profilansichten nach oben.

Doch Vorsicht: Haben einige dieser Kontakte eine oder mehrere meiner Kenntnisse – zum Beispiel «Management» oder «Leadership» – bewertet, lösche ich mit dem Kontakt auch die Bewertung dieser Kenntnisse. Sind diese Kontakte vielversprechend, schreibe ich mir vor der Löschung deren E-Mail-Adressen auf. Ich kann später jederzeit eine erneute Vernetzungsanfrage stellen.
 

Profil

Das Profil teilt sich in Zusammenfassung, Erfahrung, Ausbildung und Kenntnisse – um die wichtigsten Elemente zu nennen. Hier teile ich mit, was ich fachlich zu bieten habe. Auf der rechten Seite zeigt ein Gefäss meinen Profilstatus an. Von «Newcomer» steige ich über vier weitere Stufen zum «Superstar» auf. Zu denken gibt, dass das Gefäss auch im höchsten Status zwei Millimeter Luft nach oben hat.

Profilrang 4 von über 10 000 Kontakten auf LinkedIn
Umsonst vernetzen – Hans-Jürgen John – Profilrang 4 von über 10 000 Kontakten auf LinkedIn


Geschafft: dauerhaft unter den ersten 10 Rängen aller Kontakte.
 

Erklärung dafür findet sich keine. Das öffnet der Spekulation die Tür. Erst im Influencer-Status, den Linkedin auf Einladung vergibt, dürfte die höchste Stufe erreicht sein. Die Influencer, die mir bisher im Netz begegnet sind, haben zwischen 85 000 und mehreren Millionen Kontakte.

In der Zusammenfassung präsentiere ich die wichtigsten Daten meines Profils. So kann Google mich und meine Fähigkeiten prominent in den Suchergebnissen präsentieren. Ende September endet meine Weiterbildung zum Online-Redaktor bei der «Schreibszene». So füge ich meinem Profil dieses Ereignis unter Ausbildung bei.

Facebook, die Plattform für private Kontakte, setzt die oberste Grenze aller Facebook-Freunde (Follower) bei 5000 an. Linkedin ist grosszügiger. 30 000 Follower bedeuten 30 000 Kontakte die ich direkt anschreiben kann. Follower über dieser Grenze werden von neuen Posts und Artikeln in meinem Account benachrichtigt – ich bin aber nicht mehr direkt mit ihnen verbunden und kann sie nur über die Kommentarfunktion ihrer Posts und Artikel öffentlich kontaktieren.
 

Kenntnisse bewerten

Die Bewertung meiner Kenntnis «Creative Writing» und vieler anderer begann, als ich Vertrauensvorschuss gab. Wie du mir, so ich dir – im positiven Sinne.

Linkedin fragte mich per eingeblendetem Fenster über dem Profil von Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Genf: «Hat Peter diese Fähigkeiten oder Kenntnisse: ‹Diplomacy›, ‹International Relations› und ‹Human Rights›?» Ich bestätigte.

Ich darf meinen Kontakten Kenntnisse unterstellen. Erst wenn die betreffende Person die Kenntnisse bestätigt, werden sie in ihr Profil aufgenommen.

Umsonst vernetzen - Hans-Jürgen John - Kenntnisse bestätigen - Vertrauensvorschuss leicht gemacht
Umsonst vernetzen – Hans-Jürgen John – Kenntnisse bestätigen – Vertrauensvorschuss leicht gemacht

Der Autor Nixon Issangya aus Tanzania vernetzte sich mit mir. Seine Kenntnisse «Editing», «Published Author», «Publishing», «Books», «Creative Writing» und «Social Networking» unterstütze ich.

Von zehn Verbindungen, denen ich Kenntnisse bestätige, kommen durchschnittlich zwei auf die Idee, sich gleichfalls mit der Unterstützung meiner Kenntnisse zu bedanken. Inzwischen bin ich gefühlt fachlich überqualifiziert.

Umsonst vernetzen - Hans-Jürgen John - Kontakte die es gut mit mir meinen - Kenntnisse ahoi
Umsonst vernetzen – Hans-Jürgen John – Kontakte die es gut mit mir meinen – Kenntnisse ahoi!

Die meisten meiner Kenntnisse sind vorhanden. Bei «Marketing» und «Management» sollte ich mich weiterbilden. Die übrigen 45 Kenntnisse vertiefe ich, angespornt durch den Vertrauensvorschuss.
 

Empfehlungen

Die Königsklasse des Netzwerkens erklimmt, wer Empfehlungen durch Mitarbeitende, Geschäftspartner oder Vorgesetzte im Profil aufweist.

Umsonst vernetzen - Hans-Jürgen John - LinkedIn erlaubt Empfehlungen von Geschäftspartnern, Kollegen und Vorgesetzten
Umsonst vernetzen – Hans-Jürgen John – LinkedIn erlaubt Empfehlungen von Geschäftspartnern, Kollegen und Vorgesetzten.

Die haben die wenigsten. Auch ich nicht. Geht es doch darum, fair und gekonnt die Kenntnisse und Kompetenzen zu bewerten. Vermintes Terrain. Bediene ich mich beim Texten dafür entlang den gängigen und bekannten Formulierungen aus guten bis sehr guten Arbeitszeugnissen? Eine an sich harmlose Formulierung wie «ist gesellig» kann «trinkt gerne» im HR-Jargon bedeuten. Also Vorsicht. Und im Zweifelsfall: Hände weg. Eine gut formulierte Empfehlung soll ihren Kontakt beruflich weiterbringen.
 

Obergrenze bei Einladungen

Unter «Gesendete Einladungen» sind alle Vernetzungsanfragen aufgelistet. Im Laufe der Monate habe ich herausgefunden, dass Linkedin hier eine natürliche Bremse eingebaut hat. Ist die Zahl der Vernetzungseinladungen höher, als ich im Account Kontakte habe, greift diese Bremse.

Sind also 300 Vernetzungseinladungen von mir verschickt worden und habe ich nur 300 Kontakte, stoppt Linkedin weitere Bitten um Vernetzung, ohne dass ich es merke. Es wird zwar nach jedem Klick auf «Vernetzen» angezeigt: «Die Einladung wurde an … versendet». In der Liste der Vernetzungsanfragen werden diese Einladungen aber nicht aufgeführt. Ich vermute, sie werden nicht hinausgeschickt. Das merke ich daran, dass ich in diesem Stadium kaum neue Kontakte bestätigt bekomme.

Seit ich regelmässig ältere Vernetzungsanfragen in der Liste «Gesendete Einladungen» lösche, kann ich diese Kontaktbremse umgehen.

Umsonst vernetzen - Hans-Jürgen John - LinkedIn schützt Mitglieder vor aktiven Kontaktanfragen
Umsonst vernetzen – Hans-Jürgen John – LinkedIn schützt Mitglieder vor aktiven Kontaktanfragen

Aktuell

Über die Stichwörter «Autor» und «Verlag» in meinem Profil schlägt Linkedin mir Autoren und Verlagsgründer zur Vernetzung vor. Mit dem Stichwort «Journalist» ändert sich das. Nun sind es Redaktoren, Print- und Fernsehjournalisten. Mein zweites, neues Ziel neben der Literaturplattform Johntext ist eine unabhängige internationale Journalistenplattform für Schreibende aus aller Welt. Die Domain habe ich: Johntext.news. Und wieder habe ich dieses Ziel in mein Profil geschrieben.

Meine bisherige Erfahrung sagt mir, dass die meisten Kontakte auf Linkedin ihre Laufbahn auflisten. Sehr selten sehe ich ein Profil, in dem Ziele angegeben sind. Ich habe nur gute Erfahrungen damit gemacht.

Auf Linkedin traf ich wunderbare Menschen. Und ich geniesse diese Nähe zu entfernt Wohnenden, die andere Online-Plattformen gleichfalls erschaffen. Ich bin diszipliniert. Jederzeit kann ich den Account schliessen. Kontrolle ist mir wichtig. Ich bin noch im Stadium der Vernetzung. Im nächsten Schritt nutze ich das Netzwerk zur aktiven Stellensuche. Finanziell habe ich bislang weder etwas von Johntext noch von Linkedin. Beides wächst und ich freue mich daran. Geld ist nur ein Mass vieler Dinge.

Dieser Artikel wurde von mir auf derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Ein Interview über Vernetzung, das Sie interessieren könnte:
https://johntext.ch/gut-gemeint-genuegt-nicht/

Wenn Manager schreiben

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John

Matthias Wiemeyer – Wenn Manager schreiben

Der Schreibschulleiter

Matthias Wiemeyer - Wenn Manager schreiben
Leiter der Schreibszene Matthias Wiemeyer mit Tochter Julia und Sheltie Anouk in Laufen (BL)

Matthias Wiemeyer, 51, startete als Betriebswirtschaftler, Philosoph und Germanist. Als Manager bei Grosskonzernen bewegte er viel Geld. Als Schreibschulleiter ist er in Laufen (BL) angekommen. Beruflich wie privat.

Er öffnet die Haustüre und lächelt. Sympathisch und jungenhaft. Gross ist er. Ein Zweimetermann.

Matthias Wiemeyer, Schreibschulleiter aus Laufen (BL), entschuldigt sich. Er durchquert mit raschen Schritten den Wohnbereich zum Arbeitszimmer. Ein Anrufer wartet in der Leitung. Ein kleines Mädchen mit goldblondem Haar kräht «Hallo» und stellt ihr Schaukelpferd als «Jacky» vor.

Matthias Wiemeyer studierte Betriebswirtschaftslehre, Philosophie und Germanistik und arbeitete als Banker und Unternehmensberater für internationale Konzerne. Eine Bilderbuchkarriere. Vor fünf Jahren machte er sich zusammen mit seiner Frau Petra selbständig. Sie übernahmen die kleine Schreibschule «Schreibszene». Deren Gründerin wollte wieder ganz als Autorin arbeiten.
 

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Schreibschule Schreibszene

Die «Schreibszene» in Laufen (BL) bietet literarische und journalistische Kurse an.

Der Schwerpunkt liegt beim Schreiben im Beruf. Vom «Diplom Online-Redakteur» bis zum «Texter mit eidgenössischem Fachausweis» stehen fünfzehn Kurse zur Wahl, die in kleinen Gruppen unterrichtet werden.

Rund ein Dutzend Kurse leiten zum literarischen Schreiben an, zum Beispiel «Kreatives Schreiben», «Über Reisen schreiben» und «Von der Idee zum Buch».

Individuelle Schulungen für Firmen, Behörden, Stiftungen und andere Organisationen bietet die «Schreibszene» auf Anfrage an.

www.schreibszene.ch

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Die Betriebswirtschaftslehre hat ihn ins Bankgeschäft gebracht. Doch dann hat irgendwann die Germanistik gewonnen und ihn zur Schreibschule geführt? «Ganz so sei das nicht gewesen», sagt er. Er habe nie so recht in die Grosskonzerne gepasst, weil er im Herzen immer Sinnsucher gewesen sei. «Ein Sinnsucher, der sich in der Tür geirrt hat.»

Er erzählt gerne von früher. Als eine Bürotür an der Zürcher Bahnhofstrasse seinen Namen trug. Und ein Schild: «Philosophische Ambulanz – hier werden Sinnfragen gestellt und beantwortet». Er lächelt wie ein Lausbub. «Ich hatte damals einen ganz normalen Job, in dem es vor allem um Zahlen ging.» Meist sehr grosse Zahlen, weil er im Geschäft mit Mergers & Acquisitions (M&A) tätig war, dem Handel mit Unternehmen und Unternehmensbeteiligungen. «Da waren alle schon zufrieden, wenn der Profit stimmte. Aber das hat mir nicht gereicht.»

Wer Sinnfragen zur Diskussion stellt, muss für eine klare Sprache sorgen. Das können in der Geschäftswelt nur wenige. Daher wurde er dauernd von Kollegen gebeten, beim Schreiben anspruchsvoller Texte zu helfen. So entstand das Hobby «Schreiben unterrichten», das heute sein Beruf ist.
 

Vom Schreiben zur Schreibschule

Wie der Zufall es wollte, stand einige Jahre später die kleine Schreibschule «Schreibszene» zum Verkauf – die perfekte Chance für ihn, den Beruf zu wechseln.

Vermisst er sein altes Managerleben? Mit einem Grosskonzern im Hintergrund, weltweiten Verbindungen und reichlich Geld, um etwas in Bewegung zu bringen? «Ich habe es immer genossen, in internationalen Unternehmen zu arbeiten. Zu Konferenzen trafen sich Leute aus allen Kontinenten. Dieses Netzwerk pflegte ich gern.» Matthias Wiemeyer schaut gedankenvoll zum Kaminofen hinüber. Eine Kiste Brennholz steht davor.

Er hält weiter Kontakt per E-Mail, da nun die Geschäftsreisen wegfallen. Es ist ganz klar: Diesen Teil seines alten Lebens vermisst er. «Du bekommst ein ganz anderes Verhältnis zum Blauen Planeten. Du kennst an vielen Orten Menschen, bei denen du willkommen bist», sagt er und schlägt die Beine übereinander. Vor dem Arbeitszimmer nässt der Rasensprenger das Grün. Der Hund folgt der Katze in die Küche.

Die Einrichtung ist gemütlich, aber nicht luxuriös. «Ich brauche Geld, um mich sicher zu fühlen. Deshalb lebe ich sparsam.» Matthias Wiemeyer fährt einen alten silbergrauen Ford. Geld für teure Markenware gibt er keines aus. Ferien in Fünf-Sterne-Hotels findet er überflüssig. Aber er ist kein Erbsenzähler. Er fühlt sich unwohl, wenn eine Autoreparatur, eine defekte Heizung oder ein Arztbesuch finanzielle Probleme schafft. Deshalb lebt er so, dass es dazu nicht kommt.
 

Glücklich selbständig?

Ob er den Wechsel in die Selbständigkeit bereue? «Ganz und gar nicht», versichert er schnell. «Ich hätte schon viel früher aussteigen sollen.»

«Da wird ja alle paar Jahre reorganisiert. Meist mit dem Ziel, ein paar tausend Leute abzubauen. Für den Vorstand ist das eine glatte Sache. Die Analysten freuen sich, wenn betriebswirtschaftlich mal so richtig aufgeräumt wird. Aber ich muss Mitarbeitende vor die Tür setzen, die ich noch vor wenigen Monaten mit der Aussicht auf eine tolle Karriere abgeworben habe.»

Er schüttelt den Kopf. In der Ferne wiehert ein Pferd. Die grossen blauen Augen schauen ernst. «Gute Führungskräfte sind doch irgendwie auch Vaterfiguren. Sie sagen ihren Mitarbeitenden: ‹Vertraut mir, ich sorge für euch.› Aber so kannst du gar nicht reden. Weil du genau weisst, dass dir beim nächsten Kurswechsel wieder die Fäden aus der Hand genommen werden. Dann hast du gar nicht mehr die Macht, deine Zusagen einzuhalten. Was sagst du einem Mitarbeiter, der ein Haus bauen will und fragt, ob sein Job bei dir sicher ist?»
 

Ein Buch soll aufrütteln

Kultur und Arbeitsklima in Grossunternehmen haben ihn lange beschäftigt. Nicht nur als betroffener Manager, sondern auch als Philosoph, der etwas verstehen will. Dazu hat er sich mit einem anderen Freigeist für ein Buchprojekt zusammengetan, «einem brillanten Physiker namens Gerhard Wohland». Daraus ist ihr Buch «Denkwerkzeuge der Höchstleister» entstanden (siehe Kasten). Die Katze verlässt geräuschlos die Küche. Der Hund folgt Richtung Haustüre.

Cover von Denkwerkzeuge der Höchstleister

Matthias Wiemeyer, Gerhard Wohland

Matthias Wiemeyer - Wenn Manager schreiben - Denkwerkzeuge der Höchstleister

Denkwerkzeuge der Höchstleister
Warum dynamikrobuste Unternehmen Marktdruck erzeugen

Unibuch Verlag, Lüneburg, 2012
228 Seiten, Fr. 48.90

ISBN 978-3-934900-11-0

Wozu ein Buch? Aus Lust am Schreiben? Nein. Eher als Therapie. Für sich selbst und für die Konzerne, die vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen.

Er braucht eine Tasse Kaffee. Als er zurückkommt, stellt er Fragen: «Wie kann es sein, dass eine Firma sich eine Kultur einhandelt, die keiner haben will? Auch die Vorstände nicht. Und die Mitarbeitenden schon gar nicht. Wie kann es sein, dass ein Unternehmen sich auf Raten zugrunde richtet, obwohl alle Beteiligten klug, engagiert und wohlwollend sind?»

Diese Fragen waren der Anstoss für das Buch. Er ist stolz auf dieses Buch. Es war ihm egal, was Kritiker, Universitätsprofessoren oder Managerkollegen davon halten würden. Er trat einfach ein paar Meter zurück und brachte auf den Punkt, was sein kritischer Geist jahrelang beobachtet hatte. «Ich wusste am Anfang wirklich nicht, worauf das Buch hinausläuft», erzählt er. «Ich habe das erst nach und nach durchschaut. Mit jedem Kapitel, das ich abschloss, war ich im Denken wieder einen Schritt weiter. Und das Feilen an der Sprache hat auch das Denken geklärt.»

Dann kam das Überraschende: Die Besprechungen waren geradezu euphorisch. Einer schrieb, und das gefiel ihm besonders: Das Buch sei «wie ein Getränkestand in der Wüste der Managementliteratur». Er strahlt. «Ein solches Kompliment und noch dazu so erfrischend und anschaulich formuliert – das traf mitten ins Herz.»

Das Schreiben faszinierte ihn, lange bevor er berufstätig war. Er schrieb als Teenager Gedichte – und verbrannte später alle. Sie waren ihm peinlich, und er ist heilfroh, dass er sie heute nicht noch einmal lesen muss.

Er macht einen rundum zufriedenen Eindruck in seinem neuen Leben. Gibt es denn heute nichts mehr, was ihm graue Haare bereitet? Er lacht und streicht sich über die Halbglatze.
 

Schreiben als Therapie

Das Schlimmste sei, sagt er sichtlich bedrückt, wenn ihm jemand ein Manuskript schicke und seine ehrliche Meinung dazu hören wolle. «Es gibt viele Menschen, deren Seele schier auseinanderspringt vor widersprüchlichen Gefühlen, Sehnsüchten und Hoffnungen. Sie benutzen das Schreiben, um in ihrem Inneren Ordnung zu schaffen. Oder wenigstens Waffenstillstand.»

Schreiben kann eine sehr wirksame Therapie sein. Davon ist Matthias Wiemeyer überzeugt. Solche Texte hätten unschätzbaren Wert für die Person, die sie geschrieben habe. Vielleicht auch für ihre Familie. Aber nur ganz selten hätten sie eine hohe literarische Qualität.

«Was soll ich tun, wenn so jemand eine ehrliche Meinung zu seinem Text verlangt?» Am liebsten würde er die Manuskripte nach ein paar Zeilen zur Seite legen. Er fühlt sich als Voyeur, wenn ein fremder Mensch die Abgründe seines Innenlebens vor ihm ausbreitet und seine ganze Hoffnung daran hängt, ein literarisches Lob zu erhalten. Aber wenn das gelogen wäre? Müsse er sich dann verstellen, oder schulde er dem Autor die Wahrheit? «In solchen Momenten wird mir ganz flau im Bauch.»

Er wünscht den sinnsuchend Schreibenden etwas mehr Unabhängigkeit von den Meinungen anderer: «Ihre Texte sind wichtig und wertvoll – auch wenn sie nicht zur Literatur taugen. Gedanken und Gefühle können im Text aus der Distanz betrachtet werden. Der Teil von dir, der reflektiert, betrachtet den Teil von dir, der gelitten hat.» Das öffne den Blick für Zusammenhänge, die der hoffnungslos verstrickte Mensch sonst gar nicht wahrnehme. «Wer das lange genug macht und Texte fabriziert, die diesen Prozess dokumentieren, schliesst irgendwann Frieden mit sich selbst», ist er überzeugt. «Und nach dem Friedensvertrag findet der Mensch dann eine Geschichte in sich, die ich mit Freude lesen würde.»

Matthias Wiemeyer - Wenn Manager schreiben - Matthias Wiemeyer in Laufen (BL)
Optimistisch gestimmt: Matthias Wiemeyer glaubt an Menschen. Und an Texte mit Aussagekraft.

«Ernsthafte Konkurrenz hat die Schreibschule wenig», sagt Matthias Wiemeyer. Er strahlt und hebt die Stimme an dieser Stelle. Seine Frau Petra, die teils am Computer E-Mails beantwortet, teils mit Tochter Julia in der Küche hantiert, soll auch hören, was er erzählt. Da sei seine Frau Petra, die all das könne, was er nicht könne. Manchmal sei er etwas neidisch auf sie. Aber wenn er genau hinsehe, wisse er: «Dass wir so verschieden sind, ist für unsere kleine Firma ein grosses Glück. Als wir das akzeptiert hatten, teilten wir die Arbeit entsprechend auf und liessen den anderen machen. Ab da lief es prima.»

Beide legen in der Schreibschule Wert auf persönliche Beratung. «Bei uns können Interessierte auch abends und am Wochenende anrufen, wenn sie wissen wollen, welcher Kurs vielleicht zu ihnen passt.» Das sei für die Interessenten ein grosser Vorteil. Denn viele machten eine Ausbildung als Online-Redakteur oder Werbetexter, weil ihnen im alten Job die Decke auf den Kopf falle. «Das muss der Chef ja nicht unbedingt mithören.»

Manchmal rät er auch ab. «Wir wollen nur zufriedene Kunden. Daher klären wir vorher genau ab, was die Teilnehmer erwarten und ob wir die richtige Schule sind. Wir haben auch schon andere Anbieter empfohlen. Zum Beispiel die Schweizer Journalistenschule (MAZ) in Luzern oder Privatkurse einzelner Schriftsteller.»

Er ist stolz darauf, dass Teilnehmende seine Schreibschule weiterempfehlen. «Davon leben wir. Für teure Werbung fehlt uns das Geld. Da müssen wir unsere Kursteilnehmer einspannen.»

Dieser Artikel wurde am 30.11.2015 auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Die Liste aller dort veröffentlichten Artikel finden Sie hier:
https://johntext.ch/worte-bewegen-die-welt/

Karrieredating an der Universität

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John
Karrieredating an der Universität
Blick aufs Spielfeld «Karriereleiter» an der Uni Basel

Studierende an der Universität Basel würfeln sich beim Event «Karriereleiter» ins Ziel.

 

Karrieredating an der Universität

«Karriereleiter», «Job-Orakel» und «Karriere-Yoga». Mit diesen und vielen anderen Events lockte die Universität Basel zur «Langen Nacht der Karriere» am 12. November. Zeitgleich mit 11 weiteren Schweizer Universitäten.

Birgit Müller leitet das Career Service Center (CSC)Birgit Müller leitet das Career Service Center (CSC). Es unterstützt Studierende in allen Fragen des Berufseinstiegs. Sie findet die Abendstunden ideal für das Business-Meeting. «Die Veranstaltung hat sich letztes Jahr bewährt. Sowohl die Firmen als auch die Studierenden waren begeistert.»

Die Voraussetzung dafür, dass es zu einer Neuauflage kam. Wie kam es zur «Langen Nacht der Karriere»? Für Birgit Müller ist das nur folgerichtig. «Es gibt ja auch die Lange Nacht der Museen. Für den Start der Karriere musste es etwas Ähnliches geben – und zwar bevor die Studenten ihr Studium abgeschlossen haben. Dann wäre es zu spät.»

Bewusst gebe es keine Anmeldung. Birgit Müller sieht Chancen auch anderswo. «Spielerisch kommen die Teilnehmenden miteinander ins Gespräch. Je tiefer die Schranken, umso grösser die Zahl der Teilnehmenden.» Die Türe zu ihrem Büro in der ersten Etage des Kollegienhauses am Petersplatz ist weit geöffnet. Studierende kommen und gehen. Sie haben sich für Mithilfe und Organisation gemeldet und updaten Birgit Müller zum Stand der einzelnen Veranstaltungen.

Studierende und Unternehmen kommen zusammen. In der Regel. Wenn alles gut läuft. Die einen als Arbeitnehmer und die anderen als Arbeitgeber. Es ist nur eine Frage der Zeit. Womöglich für lebenslänglich. Klar, dass es vorher Schnuppereinheiten geben muss.

Die einen nennen es Praktikum, wenn die Studierenden in die Firmen oder die Verwaltungen gehen. Die anderen «Lange Nacht der Karriere», wenn die Firmen und die Bundesverwaltung an die Unis kommen. Beide Seiten dürfen sich vorher kennenlernen und erfahren, worauf die eine bei der anderen Wert legt.

Die Veranstaltungen sind kurz gehalten. So können die Studierenden herauspicken, was sie weiterbringt. Und die Firmen in den Abend mehrere Vorträge und Events packen.
 

Entspannt ins Fotoshooting

Der Kurs «Karriere-Yoga» mit Nicole Mathys verspricht Konzentration und Kraft. Und beschert gute Laune. Die Studierenden gruppieren sich um die diplomierte Yogalehrerin. Mit beiden Handflächen vor der Brust gegeneinander gelegt und dem rechten Fuss gegen die Innenseite des Knies gestützt, ringen mehrere um das Gleichgewicht. Gar so manche Teilnehmenden prusten los. Zu komisch ist der Anblick.

Wollten Sie schon immer mal wissen, in welchem Beruf Sie landen? Das «Job-Orakel» erlaubt einen Blick in die Zukunft. Ein Notebook steht bereit. Nach Eingabe des Namens erscheint die Berufsbezeichnung. Volltreffer. So genau wollte ich das nun wirklich nicht wissen. Sicher ein Zufall. Ich nehme einen zweiten Anlauf. Dieses Mal gebe ich den Namen eines genialen Freundes ein. Im Display des Notebooks erscheint: Nobelpreisträger. Ich nicke innerlich. Das könnte ihm zustossen. Jetzt ist es Zeit, abzubrechen. Sonst werde ich noch abergläubisch.

Die «Karriereleiter» erinnert an das Spielfeld von «Mensch ärgere Dich nicht». Zuerst wird erwürfelt, ob die Teilnehmenden als Mann oder als Frau mitspielen möchten. Dann wird weitergewürfelt, und die Zahl entscheidet, um wie viele Spielfelder vorgerückt werden darf.

Wie im richtigen Berufsleben gibt es Stationen mit der Aufforderung «Zurück an den Start». Und von neuem beginnt das Spiel um Erfolg oder Reset. Die Teilnehmenden haben ihr Schicksal in der Hand. Der Würfel als Symbol für Wagnis und Risiko zeigt, dass etliche Faktoren im Berufsleben ausserhalb der Kontrolle der Berufsanfänger liegen.

Die gute Nachricht: Trotz allfälliger Rückschläge kommt jeder Teilnehmende mit Geduld ins Ziel. Sowohl auf dem Spielfeld wie im richtigen Leben.

Am längsten ist die Wartezeit beim Bewerbungsfotoshooting. Das liegt an der Prozedur an sich und der grossen Nachfrage. In langer Reihe stehen gestylte Studierende an und nutzen das kostenlose Angebot.

Foto von Laura Di Raimondo

Laura Di Raimondo setzt sich ins Bild. Über Bewerbungsstrategien und Arbeitgeber.
 

Hat es etwas gebracht?

Inmitten ihrer Freundinnen treffe ich Laura Di Raimondo, 25. Sie studiert Sozialwirtschaftspsychologie im letzten Mastersemester. Und sucht den Einstieg in die Gesundheitsförderung. Gegen 22 Uhr ist sie sich sicher: «Es ist toll. Dass so viele Firmen an die Universität Basel kommen. Die Tipps zu Bewerbungsbrief und Lebenslauf sind praktisch. Und die Infostände der Firmen und der Bundesverwaltung haben mir sehr geholfen.» Sie werde zweigleisig fahren und sich sowohl in Betrieben als auch bei der Bundesverwaltung bewerben.
 

Wenn Umwege ins Ziel führen

Wie kam sie auf ihr Studienfach Sozialwirtschaftspsychologie? Ein Buch brachte sie zunächst auf die Idee, Werbepsychologie zu studieren. «Ich fand die Vorstellung, hinter Handlungen von Menschen zu schauen, faszinierend.» Ihr Blick geht in die Ferne. «Menschen interessieren mich sehr. Wie treffen sie Entscheidungen? Aus welchen Gründen? Wie können Handlungen vorhergesehen oder beeinflusst werden?»

Wieso wechselte sie den Studienschwerpunkt? «Ich nahm an einem Seminar Gesundheitspsychologie teil. Und war begeistert. Die Ansätze, Verhalten zu beeinflussen, möchte ich nutzen und Menschen helfen, gesünder und besser zu leben.»
 

Alle Möglichkeiten nutzen

Laura Di Raimondo strahlt. Sozialwirtschaftspsychologie ist das Studienfach, das ihrem Leben Sinn und Richtung gibt. Im nächsten Schritt informierte sie sich über damit verbundene Jobprofile. Und wurde fündig. Betriebliches Gesundheitsmanagement, Gesundheitsförderung und Suchtprävention sind mögliche Betätigungsfelder für sie. «Ich besuche viele Messen und Veranstaltungen. Das Career Service Center der Universität Basel und die Firma together AG helfen und stellen den Kontakt zu Firmen her.»

Was ist betriebliches Gesundheitsmanagement? Laura Di Raimondo lacht. «Die wenigsten können sich darunter etwas vorstellen. Grosskonzerne bieten Mitarbeitenden Ernährungsberatung und Fitnessangebote. Die werden meist von denen wahrgenommen, die sowieso gesund leben.» Ausserdem gebe es externe Firmen wie die makora AG in Zürich, die Befragungen der Mitarbeitenden anbieten. Der Arbeitgeber erhalte das Zahlenmaterial anonymisiert und sehe zum Beispiel, wie viele Mitarbeitende Burnout-gefährdet seien oder Rückenprobleme hätten. So könne er gegensteuern. Zum Beispiel, indem er der externen Firma den Auftrag gebe, sich um die betroffenen Mitarbeitenden zu kümmern. «Unter dem Strich rechnet sich das für die Arbeitgeber», sagt Laura Di Raimondo.

Sie sieht optimistisch in ihre berufliche Zukunft. Und wird das «Job-Orakel» bei der nächsten «Langen Nacht der Karriere» am 10. November 2016 testen. Wenn sie es dann noch braucht.
 

Dieser Artikel wurde am 26.11.2015 auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Al Imfeld – Mein Tag als Autor

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John

Der Publizist und Religionswissenschaftler Al Imfeld an seinem Arbeitsplatz im Unruhestand.
Der Publizist und Religionswissenschaftler Al Imfeld an seinem Arbeitsplatz im Unruhestand.

Al Imfeld – Mein Tag als Autor

«Von meinen fast 50 Büchern liegt mir immer das letzte sehr am Herzen. Im Januar veröffentlichte ich ‹Afrika im Gedicht›. Poesie, die afrikanische Autoren zwischen 1964 und 2014 schufen.

Früher stand ich regelmässig um sechs Uhr auf. Heute begann ich den Tag mit einer Tasse Kaffee um halb acht. Ich schrieb an einem Text für die Arthur Waser Stiftung in meiner Funktion als beratendes Mitglied für Afrikafragen.

Als Einstimmung in den Tag und zur Mobilisierung des Gehirns lese ich drei Tageszeitungen. Dabei kommen mir Ideen. Mein Thema ist das Leiden der Menschen in dieser Welt. Das treibt mich um und an. Ich kann einfach nicht fassen, dass es so viel Elend in dieser Welt gibt. Warum nehmen die Menschen ihr Schicksal nicht in die Hand? Kein Gott und kein Teufel schickt ihnen Prüfungen. Sie selbst sind verantwortlich für ihr Handeln.

Ich habe Freude am Schreiben. Gleichzeitig ist es ein grosser Frust. Ich denke oft, Musiker seien besser dran. Sie können mit ihren Tönen alles machen. Wir Autoren haben Wörter. Das Wort ist eine enorme Begrenzung und Einschränkung. Dichter, die multidimensional denken, legen in ein Wort mehrere Bedeutungen hinein. Doch was konkret verstehen dann die Lesenden?

Ruhe stört mich.

Al Imfeld

Früher war ich oft zwischen Zürich und Genf in der Bahn unterwegs. Die Geräuschkulisse hilft mir beim Schreiben. Ruhe stört mich. Menschen, die debattieren und diskutieren, regen mich an.

Ich arbeite nie an einem Werk allein. Ausser es ist so umfangreich wie meine afrikanische Gedichtanthologie. Als die Anthologie mit mehr als 550 Gedichten veröffentlicht war, dachte ich: ‹Jetzt kann ich von mir aus sterben.› Aber ich bin noch am Leben. Also mache ich weiter.

Derzeit arbeite ich in einem Sachbuch das Modell einer afrikanischen Stadt heraus. Einer Stadt, die ihren Bewohnern Nahrung und Lebensqualität bietet. Das Elend ist heute so gross in Afrika, dass ich das anstossen muss. Ich bin unter anderem Tropenlandwirt. An diesem Projekt der afrikanischen Stadt arbeite ich seit den 90er-Jahren. Mein Netzwerk dafür umfasste 33 Fakultäten, Forschungsbereiche von der Geologie bis zur Paläontologie, und reichte von Brasilien bis Japan.

Es ist wahnsinnig wichtig, dass sich Menschen vernetzen und austauschen. Wir erreichen nicht viel, wenn jeder in seinem Gehäuse bleibt. Deshalb öffne ich meine Wohnung an der Konradstrasse 23 in Zürich jeden Mittwoch und Samstag für Diskussionen. Alle sind willkommen. Ich nenne es ‹offenes Haus› oder ‹Businesslunch›. Früher wurde ich ausgelacht, weil ich mehrere Abschlüsse habe: ‹Ja, bist du jetzt Religionswissenschaftler, Entwicklungssoziologe, Tropenlandwirt oder Journalist?› Bist du Journalist, glaubt dir sowieso niemand etwas. Mit Neugierde über den Tellerrand des eigenen Fachbereichs schauen, das belebt die Menschen. Das ist der Sinn des ‹offenen Hauses›.

Ausserdem bereite ich einen weiteren Gedichtband vor. Er wird zu meinem Geburtstag Anfang des kommenden Jahres erscheinen. Ich arbeite zusammen mit zwei Fotografen und einem Grafiker daran. Es sind Mandalagedichte. Die Idee geht zurück auf meine Zeit in Japan. An der Tokyo International University hielt ich glücklicherweise zweimal in meinem Leben Vorlesungen über Religionswissenschaft.

Seid ihr selbst der Gott?

Al Imfeld

Ich bin Schweizer. Auch juristisch gesehen. Aber ich habe genauso etwas von den afrikanischen Ländern in mir und vom japanischen Buddhismus. Ich kann niemals Nationalist sein. Ich reise zu meinen Freunden in Vietnam und fühle mich dort ebenso zu Hause. Heimat ist für mich eine Form von Neugierde. Aber Neugierde – da kommt sofort die andere Seite dazu – ist natürlich etwas, was dich sehr einsam machen kann. Du erfährst so viel, dass du es fast nicht erträgst.

Wenn ich religionswissenschaftlich-theologisch forsche, bin ich mit Wissen mitunter anderen voraus. Ich provoziere Leute, um sie mit Fragen aus dem Schlaf zu wecken: ‹Wie könnt ihr an einen Gott glauben, der die Bösen machen lässt und die Guten, Einfachen verrecken lässt? Will das dieser Gott? Ist das der Sinn der Schöpfung gewesen?› Da kommst du rasch an Tabus heran: ‹Seid ihr selbst der Gott?› Ich frage immer weiter. Das ist schliesslich der Sinn eines wachen Geistes.

Ich könnte frech sagen: ‹Ich habe meine Ziele erreicht.› Ich bin eigentlich ein glücklicher Mensch. Ich nehme noch, was kommt.»

Als Autor und Tropenlandwirt recherchiert Al Imfeld für sein Projekt im Archiv.
Als Autor und Tropenlandwirt recherchiert Al Imfeld für sein Projekt im Archiv.

Dieser Artikel wurde von mir auf dem Online-Portal Der Arbeitsmarkt veröffentlicht:
https://derarbeitsmarkt.ch/de/portraet/mein-tag-als-autor

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Die politische Zukunft der Schweiz

Der Autor muss unabhängig sein und bleiben

Wo ich politisch stehe? Im Niemandsland. Zwischen den Fronten. Dort wo es kracht und beide Seiten, die Linke wie die Rechte das Weisse im Auge zeigen und alle Masken fallen lassen. Jeder Autor muss sich treu bleiben und kann nur fair beobachten und berichten, wenn er ausserhalb steht – oder mitten dazwischen.

Hans-Jürgen John Kölliken

Was sind das für welche, die Linken?

Links stehen für mich die Gutmenschen. Die, die das Richtige wollen und es allen recht machen wollen. Wehe aber sie werden an die Regierung gelassen! Sie leeren das Füllhorn über die Menschen des Landes aus. Sie fragen weniger, woher das Geld dafür herkommt. Sie wollen nirgends anecken und wiedergewählt werden. Ich werde wohl nie vergessen, wie die SPD des Kanzlers Schröder Hartz IV in Deutschland einführte und so gerade den Menschen Geld entzog, die es gerne ausgeben. Dieses Geld fehlte plötzlich in der Wirtschaft.

Die Rechten wollens richten. Mit den richtigen Mitteln?

Rechts sind für mich die, denen ihr Land über alles geht. Und über jeden. Da bleiben schon mal die Ausländer auf der Strecke. Sie fahren einen strikten Kurs und wehe, man kommt ihnen in die Quere. Hier stehen viele Unternehmer, die natürlich wollen, dass die Steuergesetzgebung ihrer Zunft den roten Teppich ausrollt und sich dementsprechend verhalten. Sie argumentieren damit, dass ihre Unternehmen konkurrenzfähig bleiben müssen.

Entscheidung in der Sache durch direkte Demokratie

Ausgleichend wirkt die direkte Demokratie. Durch Volksabstimmungen können die BürgerInnen in der Schweiz den Auswüchsen der einen Seite ebenso wie den Fehlern der anderen Seite begegnen.

Wer hat die Schweizer Zukunft erfunden? SP oder SVP?

Welche Partei wird die Schweiz in eine Zukunft führen, die sicher und wohlhabend sein wird? Ich habe keine Lösung.

Wer hat Führungsqualitäten?

Christoph Blocher ist seit Jahrzehnten erfolgreicher Unternehmer. Ein Unternehmen zu führen und wachsen zu lassen gelingt nur, wenn man ein Gespür für den Markt hat. Die Ausgaben müssen Investitionen sein, die sich rentieren. Wer mehr ausgibt, als er einnimmt oder falsche Entscheidungen fällt, riskiert die Pleite und schickt seine Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit. So gesehen sind sich Politik, also die Lenkung des Schicksals eines Staates und die Führung eines Unternehmens ähnlich. Werden Entscheidungen getroffen, die Mehrausgaben bedeuten, können der Wohlstand des Landes und die finanzielle Zukunft der Bürger, ihre Renten und Spareinlagen in Gefahr geraten. Ein Unternehmer plant vorausschauend. Ein Politiker plant oft bis zur nächsten Wahl. Verteilt er großzügig Wahlgeschenke, wird er womöglich wiedergewählt. Seinem Land hat er keinen Gefallen getan. Christoph Blocher ist schon so lange Unternehmer und Politiker, dass dieser Generalverdacht bei ihm nicht greift.

Wer soll da noch draus kommen?

Ich bin kein Politiker. Ich bin kein Unternehmer. Könnte ich wählen zwischen einem Unternehmer als Politiker und einem intelligenten, sympathischen und guten Redner, ich würde den Unternehmer wählen. Er weiß zu haushalten und wirtschaften, sonst wäre er kaum erfolgreich. Wenn ich also eine Diskussion im Fernsehen zwischen Cédric Wermuth und Christoph Blocher verfolge, macht der Jüngere mehr Punkte, weil er manchmal schlagfertiger ist. Ich vertraue dem Älteren und traue ihm mehr zu. Eine Diskussion zwischen Christoph Blocher und Cédric Wermuth für einen Kinofilm Mitten ins Land so zu schneiden, dass die Standpunkte der SP dabei vorteilhaft dargestellt werden, ist Unsinn. Die Kinogänger sind nicht blöd. Sie geben ihr Hirn nicht an der Kinokasse ab und wollen sich eine eigene Meinung bilden und kein politisches Menü vorgesetzt bekommen, dass sie zu genießen haben. Meine Meinung über den Schriftsteller und Filmemacher Pedro Lenz hat darunter sehr gelitten.

Die Neutralität der Schweiz

Die Schweiz hat sich immer herausgehalten. Dazu gehört heute auch die Distanz zu den Euroländern. Die Schweiz ist stolz auf ihre Neutralität und wird im Kriegsfall davon profitieren. Wenn wieder einmal halb Europa wie im letzten Jahrhundert zweimal geschehen in Schutt und Asche liegt – die Schweizer bleiben neutral und das ist gut so. Während also die sogenannten Europäer einen Putin mit Wirtschaftssanktionen in die Knie zwingen wollen und einen Atomkrieg riskieren – offiziell besitzt Russland 1740 (Quelle Wikipedia) gefechtsbereite Atomsprengköpfe, die tatsächliche Anzahl dürfte wesentlich höher sein – behalten die Schweizer einen kühlen Kopf.

Volksnähe entscheidet: Christoph Blocher?

Doch bilde sich jeder seine eigene Meinung. Seit ich in der Schweiz bin, habe ich Christoph Blocher zweimal angeschrieben. Seine Webseite ist für alle offen. Und ich habe zweimal Antwort bekommen. Nicht die Antworten, die ich wollte, aber immerhin hat er ein offenes Ohr für die Sorgen aller Bewohner der Schweiz.

Schriftsteller an die Macht: Pedro Lenz und Alex Capus?

Pedro Lenz versuchte ich zweimal zu kontaktieren, er gibt sich ja in Interviews sehr volksnah. Sein Briefkasten vor dem Restaurant Flügelrad in Olten scheint groß genug. Ich habe nie eine Antwort erhalten. Anders ist da der Oltner Schriftsteller Alex Capus. Das ist ein Mensch zum Anfassen, wie Du und ich. Seine Bücher sind in etliche Sprachen übersetzt und nur zu empfehlen. Sein neuestes Buch: Mein Nachbar Urs ist toll. Leider scheint die Webseite des Autors beim Hanser Verlag so viele Filter vorgeschaltet haben, dass hierüber kein Kontakt zustande kommen kann.

Der Praxistest. Autor arbeitslos. Wer hilft?

Während der Zeit meiner Arbeitslosigkeit machte ich interessante Erfahrungen, die ich hier nicht vorenthalten will. Nun ist ja bekannt, dass jeder Arbeitnehmer in der Schweiz einen Rechtsanspruch auf Hilfe von der Arbeitslosenkasse hat, sollte er denn arbeitslos werden. Soweit die Theorie. In der Praxis sieht es so aus, das die Arbeitslosenkassen zusammen mit den regionalen Stellenvermittlungen (RAV) die Möglichkeit haben Sperren auszusprechen. Dabei können schon mal mehrere Monate ins Land gehen, bevor die ersten paar Franken auf dem Konto eintrudeln. Es entsteht der Eindruck, dass alles getan wird, um die Menschen in die Sozialhilfe der Gemeinden abzuschieben. Wohlgemerkt und aufgehorcht. So werden die Kassen der Kantone entlastet und die Gemeinden haben das Nachsehen.

Gesetz und Realität

Es gibt vielfältige Instrumente einen Arbeitslosen “gefügig” zu machen. So ist der Arbeitnehmer – gerade der ohne Ausbildung – gehalten, jede Arbeit anzunehmen. Punkt. Besitzt er kein Fahrzeug, so ist das kein Hinderungsgrund. Er hat die SBB zu benutzen. Besitzt er nach einigen Monaten kein Geld – das ging mir so, weil ich mich weigerte, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen – so kann er sich entscheiden zwischen Schwarzfahren mit der SBB oder eine Sperre vom RAV zu kassieren, weil ein möglicher Arbeitsplatz nicht angetreten wurde. Ich habe Menschen kennengelernt, die sind aus Angst vor einer Sperre durch das RAV mit der SBB schwarzgefahren. So entstehen Betreibungen in Höhe von tausenden Franken pro verzweifeltem Arbeitslosen. Aktuell ist mir ein Fall bekannt, bei dem die Betreibung 9000 CHF überstieg. Wenn ich so etwas höre, kommt mir die Galle hoch.

Wer zahlts? Die Gemeinden.

Da hat man jahrelang in die Arbeitslosenkasse eingezahlt und aus dem sogenannten Rechtsanspruch auf Hilfe in der Arbeitslosigkeit wird heiße Luft. Die SBB sollten ihre Betreibungen von unverschuldet in Not geratenen Menschen nach dem Verursacherprinzip direkt an die Arbeitslosenkassen schicken.

Vorschuss für die Fahrtkosten? Pustekuchen

Als ich bei einem Temporärbüro einen Job bekam, fragte ich beim RAV schriftlich nach, ob es einen Vorschuss für die Fahrt an die Arbeitsstelle geben könne. Ein Pfarrer war sich sicher, dass man mir dort helfen würde. “Die haben ja ein Interesse daran, dass sie Arbeit finden.” Das RAV verwies mich an die Arbeitslosenkasse. Die Arbeitslosenkasse sagte Nein. So bezahlte ich 48 CHF täglich für die Fahrt nach Zürich Oerlikon und zurück. Wären da nicht Menschen mit Herz, die mir unbürokratisch privat halfen, wäre ich verloren gewesen, versumpft im Morast der Bürokratie.

Das sind Themen, die die Menschen in diesem Land interessieren. Dieser Themen sollte sich ein Pedro Lenz im Film annehmen. Weit gefehlt. Ihn interessieren seine politische Freunde in hohen Ämtern, die er per Kinofilm in Szene setzt.

Ich könnte hier gerade weiter aus dem Nähkästchen plaudern. Übrigens kann man über die Webseite des Christoph Blocher Schlendrian und Vergeudung von Steuergeldern in der öffentlichen Verwaltung melden. Es dauert eine Weile, bis Antwort kommt, aber das ist erträglich.

Unabhängig und offen

Ich muss nicht meine politische Meinung jener der SVP angleichen. Mehrfach habe ich hier eine andere Meinung vertreten. So war ich aus voller Überzeugung für den Mindestlohn. Doch ich habe Achtung vor dem politischen und wirtschaftlichen Erbe von Menschen wie Christoph Blocher. Weder erhielt ich Hilfe von ihm bei der Suche nach Autoren für Johntext noch bei der Arbeitssuche – darauf bezogen sich meine zwei Anfragen an ihn in den letzten Jahren. Doch ich bekam Antwort und neue Motivation auch, ohne politisch einer Meinung zu sein.

“Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Unnachgiebigkeit! Heute können Sie stolz von einem Teilerfolg sprechen. Aus eigenem Antrieb und mit viel Herzblut… . Gehen Sie genau so entschlossen vor, wie bei Ihrer Literaturplattform. Ich bin überzeugt, Sie werden das Passende finden.” (Email vom 12.02.2015 von Dr. Christoph Blocher)

Mehr Infos zu Christoph Blocher auf Wikipedia

Ich werde Sie, verehrte Leserinnen und Leser, auf dem Laufenden halten.

Freundliche Grüsse zum Frühlingsanfang. Ihr Hans-Jürgen John

Hans-Jürgen John ist Hans John (@rafaelofirst) auf Twitter und als Hans-Jürgen John auf Facebook. Hans bloggt auf dem beruflichen Netzwerk LinkedIn.